Du musst jetzt WÜTEND sein!! 😡😤
Die Brutalisierung der Aufmerksamkeitsökonomie und wie einfach es ist, Wutbürger mit Bullshit zu manipulieren.
Julian Reichelt, ehemaliger Chefredaktor der Boulevardzeitung Bild, ist heute Chefredaktor des Krawallmediums “Nius”. Und Krawall, das muss man ihm lassen, kann Reichelt so gut wie kaum ein Zweiter.
In seiner Show “Achtung, Reichelt!” vom 21. November geht es, wie eigentlich immer bei Reichelt, um den Niedergang, um die Todesspirale Deutschlands, verursacht von inkompetenten dummen gierigen linken Politikern, die viel zu viele Steuern erheben und zu viele Ausländer ins Land lassen. Deutschland wird abgehängt.
Der Höhepunkt dieser Botschaft ist ein Segment zu den Olympischen Spielen 2028, die in Los Angeles stattfinden. Reichelt sagt, Trump werde diese eröffnen. Und zwar — Achtung, jetzt kommt’s — auf dem Mond. Trump wird mit einer Rakete von Elon Musk zum Mond fliegen. Dann wird Trump einen Football vom Mond auf die Erde werfen und ein Sportler auf der Erde fängt ihn. Was andere Länder können, klinge in Deutschland wie Science-Fiction. “Wir werden abgehängt”.
Man fragt sich unweigerlich: Ist das ein Witz? Ist “Achtung, Reichelt!” eine Satire-Sendung? Nein, leider nicht. Es ist ernst. Nius ist nur die Spitze des Eisbergs der Krawallmedien, die in industriellem Ausmass Bullshit produzieren, um damit ein Publikum von Wutbürgern zu kultivieren und zu monetarisieren.
Brutalisierung der Aufmerksamkeitsökonomie
In einer idealen Welt zählt nicht, wie laut jemand ist, sondern nur, wie gut die Argumente sind. Eine solche Welt gab es natürlich nie. Öffentliche Aufmerksamkeit war nie bloss eine Funktion der Qualität der Inhalte. Aufmerksamkeit erhielten immer schon jene, die inszenieren, provozieren, irritieren konnten.
Doch heute ist die Situation nochmals einen grossen Zacken extremer. Mit dem Internet und Social Media hat sich die Aufmerksamkeitsökonomie deutlich zugunsten Bullshit verändert.
Dank des Internets ist die Anzahl der Stimmen, die öffentlich mitreden, explodiert. Klassische journalistische Medien haben einen grossen Teil ihrer “Gatekeeper”-Funktion verloren. Medien dominieren die öffentliche Debatte nicht mehr, oder zumindest in viel geringerem Masse. Sie bestimmen viel weniger, worüber und wie öffentlich diskutiert wird. Auf Social Media, auf YouTube, in Podcasts kann man aus eigener Kraft und ohne klassische Medienhäuser grosse Publika erreichen.
Diese Demokratisierung des Diskurses ist eine tolle Sache. Auch der Newsletter, den du gerade liest, ist ein Kind dieser Entwicklung. Niemand wünscht sich die “guten alten Zeiten” zurück, in denen Fernsehen, Radio und Zeitung tonangebend waren. Die Sache hat aber eine Kehrseite. Mit der rasanten Zunahme der Stimmen, die öffentlich mitreden, hat sich der Wettbewerb um Aufmerksamkeit drastisch verschärft. Es gibt auf der Angebotsseite viel mehr Stimmen, die Content liefern — aber die Nachfrageseite, das Publikum, bleibt gleich gross und wächst nicht wirklich. Der Tag hat für uns alle nach wie vor nur 24 Stunden. Die Asymmetrie von Angebot und Nachfrage macht Aufmerksamkeit heute zu einem so knappen Gut wie noch nie.
In diesem harten Wettbewerb um Aufmerksamkeit haben nur jene Stimmen eine Chance, die hervorstechen. Das kann durch inhaltliche Qualität erfolgen. Der einfachere Weg zu Sichtbarkeit sind aber Emotionen. Wer im Ozean des Online-Contents auffallen will, muss krass sein. Muss mit Angst operieren und Menschen wütend machen. Muss maximal einfache Geschichten erzählen, die vielleicht nichts mit der Realität zu tun haben, die aber das wohlige Gefühl von Empörung vermitteln. Muss ein skrupelloser Scharlatan sein, der passgenauen Bullshit herstellt, um Menschen im Sinne der verschärften Aufmerksamkeitsökonomie zu manipulieren.
Wer Aufmerksamkeit will, muss das tun, was Julian Reichelt tut.
Reichelt ist aber nur ein Auswuchs der Brutalisierung der Aufmerksamkeitsökonomie. Seine Form des Krawalls ist sehr wirksam, aber er hat sie nicht erfunden. Reichelts Masche ist fast 1:1 eine Kopie des Duktus, den der ultra-erfolgreiche Demagoge Tucker Carlson perfektioniert hat. Carlson ist ein pseudo-populistischer Demagoge, der an reale materielle Sorgen von Menschen andockt und ihnen mit Bullshit-Geschichten vermeintlich erklärt, warum es ihnen schlecht geht. Der YouTube-Kanal “Simplicissimus” hat letztes Jahr analysiert, wie Reichelt Carlsons Stil übernommen hat.
Ideen haben Konsequenzen — die Abwesenheit von Ideen auch
All das kann man in seiner Absurdität vielleicht irgendwie trotzdem lustig finden. Reichelt schiesst sich derart auf Wutbürger ein, dass er irrwitzige Geschichten über Trump auf dem Mond erfindet und sein Publikum ziemlich unverschämt und unverblümt für dumm verkauft.
Die Konsequenzen dieser Dynamik sind aber alles andere als lustig. Millionen von Menschen sind von diskursiven Scharlatanen wie Reichelt auf Affekt und Wut konditioniert. In der Gedankenwelt dieser Menschen gibt es keinen Spielraum mehr für Argumente, für Grautöne, für eine minimale Änderung der eigenen Meinung. Es gibt nur noch, endlos und für immer, Krawall.
Das wird gravierende Folgen haben. Unter den diskursiven Bedingungen, wie wir sie heute immer stärker erleben, kann eine Gesellschaft nicht funktionieren. Die Grundlage menschlicher Zivilisation und zivilisatorischen Fortschritts ist die Prämisse, dass genug viele Menschen genug rational über sich und die Welt nachdenken. Wir beobachten gegenwärtig in Zeitlupe, wie diese Prämisse von den Reichelts dieser Welt zerstört wird. Jedes dumme Ragebait-Video, jede schwachsinnige Bullshit-Story bringt uns Stück für Stück näher an den Abgrund.
Marko Kovics Anmerkungen sind ebenso scharfsinnig wie grossherzig - sie heben sich wohltuend ab vom idiotischen Gebrüll und dumpfen Getöse unserer Zeit, der Endzeit des Kapitalismus.