Gab es reiche Sniper-Touristen in Sarajevo?
Eine Geschichte, die zu gut ist, um sie zu prüfen. Rekonstruktion eines Medienversagens.
Die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 war schrecklich. Die Zivilbevölkerung wurde fast vier Jahre lang von serbischen Truppen terrorisiert. Nicht zuletzt durch Soldaten, die mit Scharfschützengewehren viele Menschen aus der Ferne umbrachten. Die Warnung “Pazi snajper”, Achtung Scharfschütze, ging als trauriges Zeugnis der Belagerung in die Geschichte ein. Und nun wissen wir, dass alles noch viel schlimmer war als gedacht.
Seit dem letzten November berichten deutschsprachige Medien über eine ungeheure Episode aus der Zeit der Belagerung. Während serbische Truppen Sarajevo im Griff hatten, reisten Hunderte reiche, mächtige Männer aus westeuropäischen Ländern nach Sarajevo. Nicht, um Hilfe zu leisten. Ganz im Gegenteil. Sie reisten nach Sarajevo, um unschuldige Zivilisten mit Scharfschützengewehren zu ermorden. Aus purer psychopathischer Mordlust. Dafür bezahlten sie viel Geld; nach heutiger Rechnung in der Grössenordnung von 100’000 Euro oder mehr. Es ist schockierend, aber das ist der unfassbar brutale Kern der Geschichte, über die nun viele Medien berichten: Reiche, mächtige Eliteangehörige reisten in ein Kriegsgebiet, um unschuldige Menschen zu jagen. Es ist ein Schrecken, der aus einem Horrorfilm stammen könnte.
Dieser Schrecken wurde medial breit aufgegriffen. Die FAZ berichtete: “Gegen Geld durften reiche Europäer in Sarajevo auf wehrlose Zivilisten schiessen”.
Im FAZ-Artikel erfahren wir grausame Details:
Die Männer, die während des Jugoslawienkriegs von Italien aus nach Sarajevo fuhren, um dort am Wochenende auf Frauen, Männer und Kinder zu schiessen, nahmen Trophäen nach Hause mit. Es waren die Patronenhülsen, zumeist vom Kaliber 7,62 mal 51 Millimeter, auf denen eine Farbe angab, welches Ziel getroffen worden war. Blau stand für einen Jungen, Rosa für ein Mädchen. Rot für einen Mann, Rot und Grün, wenn es sich um einen Soldaten handelte.
Gelb für eine Frau, Schwarz und Blau für den Mord an einem betagten Mann, Schwarz und Rosa für eine ältere Frau. Die begehrtesten Ziele dieser „Jäger“ waren Kinder.
Die reichen Psychopathen, die in Sarajevo Jagd auf Unschuldige machten, haben Patronenhülsen als Trophäen mitgenommen. Die begehrtesten Ziele waren Kinder. Das ist der Inbegriff von Bosheit.
Der Tages-Anzeiger berichtete, dass auch Schweizer bei der Menschenjagd mitgemacht haben.
Im Artikel erfahren wir, dass insgesamt mindestens 460 reiche Elite-Angehörige nach Sarajevo zur Menschenjagd gereist sind. Die Hälfte davon waren Italiener. Beim Tages-Anzeiger wird erklärt, warum diese “Männer aus der gesellschaftlich-ökonomischen Elite” solche Verbrechen begangen haben:
Gavazzeni spricht von der Langeweile, der sie für ein Wochenende entfliehen wollten, von der Sucht nach Adrenalin, von der überwältigenden Erfahrung, ungestraft eine gottgleiche Macht über andere auszuüben. Die Kriminologin Martina Radice, die zu Gavazzenis Buch ein Kapitel beigesteuert hat, beschreibt die Täter als «Elite-Raubtiere». Sie seien hochintelligent und würden moralische und gesetzliche Normen perfekt verstehen, diese aber bewusst ignorieren. Sie sind laut Radice ohne jede Empathie, getrieben von pathologischem Narzissmus, einem Gottkomplex und hedonistischem Sadismus.
Es sind “Elite-Raubtiere”, die eine “gottgleiche Macht über andere” ausüben wollen. Sie sind “ohne jede Empathie”, getrieben von “hedonistischem Sadismus” und einem “Gottkomplex”.
Ähnlich sieht es auch ein Professor für forensische Psychiatrie, der bei SRF die Motive der Täter erklärte.
Es gehe den Tätern von Sarajevo darum, so der Professor, “Macht zu fühlen”. Nach dem Motto: “Ich bin der gefährlichste Täter”. In der maximalen Steigerung gehe es darum, Gott zu spielen.
Der Spiegel berichtete, dass die Menschenjagd in Sarajevo sehr weite Kreise zog. Bis in die Spitze der heutigen serbischen Regierung. Der heutige serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic soll Teil der für reiche Ausländer organisierten Menschenjagd gewesen sein.
Im Artikel heisst es zu Vucic:
Geister des Bosnienkriegs drohen inzwischen auch Aleksandar Vučić einzuholen, den serbischen Staatspräsidenten. Gestützt auf eine im November bei der Staatsanwaltschaft Mailand eingebrachte Strafanzeige behauptet der kroatische Journalist Domagoj Margetić, Vučić habe in jungen Jahren als Kriegsfreiwilliger in einer Tschetnik-Freischärler-Einheit unter dem Kommando von Slavko Aleksić auf dem jüdischen Friedhof gedient – und sei dort in Kontakt mit den ausländischen Menschenjägern gekommen.
Auch die NZZ hat über die Motive und die Charaktermerkmale der Täter berichtet, die an den Sniper-Safaris teilgenommen haben. Das seien gemäss NZZ etwa “reiche Unternehmer” gewesen, die “aber mit Sicherheit gespaltene Persönlichkeitsprofile aufwiesen”.
Die Menschenjagd in Sarajevo ist schrecklich. Sie zeigt, wie abgrundtief böse Menschen sein können. Wir wissen, wie die Täter vorgegangen sind. Sie wollten vor allem Kinder ermorden und sammelten Trophäen. Sie gehörten zur Elite und waren sehr reich. Sie wollten Gott spielen, wollten das Adrenalin spüren. Sie waren hochintelligent. Sie waren Narzissten.
Woher wissen wir das alles? Es gab schon länger Gerüchte und Mutmassungen über reiche Ausländer, die in Sarajevo Safari auf Menschen gemacht haben. Die grausamen Details hat nun der italienische Autor Ezio Gavazzeni enthüllt. Er hat ein Buch darüber geschrieben, “I cecchini del weekend”, auf Deutsch “Die Wochenende-Scharfschützen”. Gavazzeni hat in Mailand Strafanzeige wegen der Verbrechen erstattet.
Gavazzeni hat die Gräueltaten aufgedeckt und in das öffentliche Bewusstsein getragen. Eine Strafuntersuchung ist im Gange. Die Medien berichten intensiv über den Fall.
Alles ist so, wie es sein soll.
Die Sache hat nur einen Haken: Für die ganze Geschichte gibt es keinerlei Beweise.
Vorbemerkung: Mein Prior
Bevor ich auf das Buch von Ezio Gavazzeni eingehe, möchte ich zuerst klären, mit was für einer epistemischen Haltung ich an diese Geschichte herangetreten bin. Meine bestehende Einstellung war, dass Gavazzenis Ausführungen mit hoher Wahrscheinlichkeit stimmen. Die Berichterstattung Ende 2025 habe ich eher peripher wahrgenommen. Meine Heuristik war, dass im Bosnienkrieg bekanntlich schreckliche Gräueltaten begangen wurden und dass nun ein weiteres Kapitel der Gräueltaten aufgedeckt wurde. Jemand hatte mir letztes Jahr eine Email geschrieben und gefragt, wie ich die Berichterstattung einschätze. Ich antwortete salopp, dass ich nicht ganz im Bilde bin und mir das genauer anschauen müsse. Meine Vermutung war, dass die Berichterstattung vielleicht stellenweise etwas überzeichnet ist, die Geschichte im Kern aber stimmt.
Meine eigene Herkunft (Kovic klingt verdächtig nach Balkan) spielte weder in meiner ursprünglichen Bauchgefühl-Einschätzung noch in der vorliegenden Aktualisierung meiner Einschätzung eine Rolle. Ich bin Kroate, aber kein Nationalist. Ich habe keinen anti-serbischen Bias, der mich letztes Jahr glauben liess, dass die Sniper-Safaris echt sein müssen. Und ich habe folglich auch keinen pro-serbischen Bias, der zu hyperaktivem Skeptizismus führen würde. In der Frage, ob es in Sarajevo Sniper-Tourismus für reiche und mächtige Menschen aus dem Westen gab, bin ich aufrichtig ergebnisoffen. Ich habe keine ideologische oder sonstwie verzerrte Präferenz für eine bestimmte Antwort auf diese Frage.
Ezio Gavazzenis Behauptungen
In der medialen Berichterstattung zu den Menschenjagd-Safaris in Sarajevo werden Ezio Gavazzenis Behauptungen als mehr oder weniger klar belegte Tatsachen behandelt. So sehr, dass zum Beispiel psychiatrische Experten eingeladen werden, um eine Einschätzung zu geben, warum die vielen Täter in Sarajevo gemordet haben. In der Berichterstattung ist die Frage nicht, ob es die Menschenjagd durch reiche Elite-Angehörige gab. Die Frage ist, wie Menschen so etwas tun können.
Das ist natürlich eine berechtigte Frage. Aber sie macht erst dann Sinn, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass der Menschenjagd-Tourismus tatsächlich stattgefunden hat. In den medialen Beiträgen werden keinerlei Belege dafür geliefert. Alle Beiträge sehen implizit oder explizit Gavazzenis Behauptungen und sein Buch als eindeutigen Beleg, den man nicht weiter zu thematisieren braucht. Was genau Gavazzeni behauptet und wie gut es tatsächlich belegt ist, wird in den Medien nicht thematisiert.
Ich habe Gavazzenis Buch “I cecchini del weekend” gekauft und gelesen. Meine Erwartung war, dass das eine aufwendige investigative Arbeit ist, die konkrete Evidenz liefert, dass die brutalen Sniper-Safaris für reiche Europäer stattgefunden haben. Das Buch ist keine investigative Arbeit. Das Buch ist sensationalistisch und macht grosse Behauptungen, aber es werden keinerlei Beweise in irgendeiner Form geliefert.
Das Buch besteht aus drei Teilen. Teil 1 ist “Bosnia Erzegovina. 6 aprile 1992 – 14 dicembre 1995”. Teil 2 ist “Il Legionario di Trieste”. Teil 3 ist “Il Francese”. Im Nachfolgenden gehe ich auf diese drei Teile ein. Gavazzeni vermittelt aber schon in seinem Vorwort “Avvertenze per il lettore”, Warnungen an den Leser, um was für ein Buch es sich handelt. Gavazzeni schreibt:
In merito ad alcuni personaggi, che mi sono stati riferiti e indicati e sui quali ho indagato, posso utilizzare l’“Io So” pasoliniano: sono pressoché convinto che abbiano partecipato alla caccia al civile, molte evidenze convergono a dimostrarlo, in un caso c’è addirittura qualche testimonianza convergente, ma non posso dimostrarlo fino in fondo e ho deciso così che terrò per me le mie convinzioni confidando nella magistratura.
Mi permetto di aggiungere che un libro non è un’aula di Tribunale, io non sono un giudice e poi la Procura di Milano sta tuttora svolgendo le sue indagini, propiziate dalle mie risultanze investigative, e non ho intenzione di sovrappormi all’autorità giudiziaria.
Auf Deutsch bedeutet das in etwa:
Was einige der mir genannten und von mir untersuchten Personen betrifft, kann ich das pasolinische «Ich weiss» anwenden: Ich bin nahezu überzeugt, dass sie an der Jagd auf Zivilisten teilgenommen haben, viele Indizien sprechen dafür, in einem Fall gibt es sogar übereinstimmende Zeugenaussagen, aber ich kann es nicht abschliessend beweisen. Ich habe mich deshalb entschieden, meine Überzeugungen für mich zu behalten und der Staatsanwaltschaft zu vertrauen.
Ich möchte hinzufügen: Ein Buch ist kein Gerichtssaal, und ich bin kein Richter. Die Staatsanwaltschaft Mailand führt ihre Ermittlungen, die durch meine Rechercheergebnisse angestossen wurden, noch weiter, und ich habe nicht die Absicht, mich der Justiz zu widersetzen.
Es mag etwas verwirrend klingen, aber im Klartext heisst das: Auf den Seiten, die folgen, bringt Gavazzeni keinerlei Beweise. Als ich das gelesen habe, musste ich staunen. Es ist zwar ehrlich, aber überraschend, im Vorwort eines Buches, das angeblich etwas aufdeckt, zu erklären, dass im Buch nichts aufgedeckt wird.
So ist es denn auch. Gavazzeni beweist im Buch nichts. Er beweist nicht, dass die Menschenjagd in Sarajevo und an anderen Orten durch reiche Westeuropäer stattgefunden hat. Er beweist nicht, dass er identifiziert hat, wer an der Menschenjagd teilgenommen hat. Er beweist nicht, dass seine zentrale Quelle für das Buch — ein angeblicher Drahtzieher der Menschenjagd mit dem Codenamen “il Francese” (mehr dazu unten) — glaubwürdig ist und wahre Behauptungen macht.
Gavazzenis Verwendung des pasolinischen “Io so” ist dabei interessant. Der italienische Regisseur und Autor Pier Paolo Pasolini veröffentlichte 1974 einen Essay mit dem Titel “Io so”. Der Essay ist eine Art Klageschrift gegen das damalige politische System. Pasolini beklagte, dass die Gewalt und Terrorakte von damals Teil der “Strategie der Spannung” seien, an der auch das politische Establishment beteiligt gewesen sei. Das wisse man, aber in einem korrupten System könne man das nicht beweisen. Pasolini wurde 1975 entführt, gefoltert und ermordet.
Indem sich Gavazzeni auf Pasolini beruft, will er den Eindruck erwecken, dass sein Buch irgendwie ähnlich zu verstehen sei wie Pasolinis Kritik damals. Das ist aber nur ein rhetorischer Trick, um die Abwesenheit von Beweisen als Beweis sui generis umzudeuten. Ein rhetorischer Trick, der aber das sehr tiefe epistemische Niveau des Buches gut auf den Punkt bringt.
Teil 1: Bosnia Erzegovina. 6 aprile 1992 – 14 dicembre 1995
Der erste Teil von Gavazzenis Buch ist eine Zusammenfassung des Krieges in Bosnien und der Theorie der Sniper-Safaris. In diesem Teil produziert Gavazzeni weitgehend keine neuen Informationen sondern rekapituliert die bestehenden Behauptungen.
Kapitel 6 behandelt den ehemaligen US-Marine John Jordan, der während der Belagerung in Sarajevo als freiwilliger Feuerwehrmann war. Jordan ist in der These des Sniper-Safaris eine zentrale Figur. Er sagte 2007 vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien aus, dass es Menschenjagden in Sarajevo gab. Das ist bis heute das vielleicht stärkste Indiz: Ein Militärexperte hat die Sniper-Safaris mit eigenen Augen beobachtet.
Das Problem ist: Jordan hat die Sniper-Safaris nicht mit eigenen Augen beobachtet. Er erklärte explizit, er habe nie gesehen, dass Sniper-Touristen auf Menschen schossen.
I saw -- I never saw one of these tourist shooters take a shot. I just saw them being handled and moved around known sniper positions. I never actually saw one take a shot. But, again, it was clearly obvious that the person being led by men who were familiar with the ground was completely unfamiliar with the ground, and his manner of dress and the weapons they carried led me to believe they were tourist shooters. It was an expression that I ran into for the first time in Beirut where we saw the same thing happening around the green line.
Jordan sah nur Leute, die auf ihn so wirkten, als ob sie Sniper-Touristen seien. Das Gleiche habe er schon in Beirut erlebt. Das ist eine maximal unzuverlässige Zeugenaussage. Und der Zeuge hat offensichtlich einen ausgeprägten Confirmation Bias: Er glaubt, dass es Sniper-Tourismus international gibt und er diesen schon früher in Beirut erlebt hat (dafür gibt es keine Belege) und dass es sich darum in Sarajevo auch um Sniper-Tourismus gehandelt haben muss.
In seiner Aussage erklärte Jordan weiter, warum genau er überzeugt war, dass es sich um Sniper-Touristen handelte: Ihre Kleidung und ihre Waffen.
The fact that they wore civilian/military combination-type clothing, but mostly it was the weapon. Anyone can go to a surplus store and outfit himself to look like anybody else’s army. But the locals carried certain weapons, and when a guy shows up with a weapon that looks more like he ought to be hunting boar in the Black Forest than in urban combat in the Balkans, you know, when you see him being handled and you can obviously tell he is a novice at moving around rubble, you know, if it walks like a duck, talks like a duck, it’s a duck.
Die Sniper-Touristen hätten eine Kombination aus zivilen und militärischen Kleidern getragen. Und sie hatten andere Waffen als die Einheimischen. Auch das ist wieder eine maximal vage, unzuverlässige Aussage. Und sie ist inhaltlich nicht plausibel: Wenn reiche Elite-Angehörige nach Sarajevo reisen, um Menschen zu ermorden, warum sollten sie eigene Waffen mitbringen, mit denen sie die Menschen, die sie ermorden wollen, nicht ermorden können? Logischerweise würden sie mit Scharfschützengewehren der serbischen Armee schiessen.
In Kapitel 7 wird der russische Autor Eduard Limonov thematisiert. 1992 besuchte Limonov Sarajevo und traf den serbischen Anführer Radovan Karadzic. Das Treffen wurde von dem Filmemacher Pawel Pawlikowski begleitet, der das Geschehen für den BBC-Dokumentarfilm “Serbian Epics” filmte. In einer Szene ist zu sehen, wie Limonov mit einem Maschinengewehr der serbischen Armee schiesst.
Wir wissen nicht, ob Limonov in dieser Szene Sarajevo beschossen hatte. Limonov behauptete, er habe auf eine Zielscheibe geschossen und nicht in die Stadt. Ist die Aufnahme mit Limonov ein Beweis für Sniper-Tourismus? Kaum. Wenn es einen geheimen international organisierten Sniper-Tourismus in Sarajevo gab, warum sollte Karadzic diesen von der BBC filmen lassen, im Wissen, dass das die ganze Welt sieht? Ich glaube, die Erklärung für die Aufnahme ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere. Karadzic erklärte den Truppen, Limonov sei ein “berühmter russischer Autor”. Limonov wurde von Karadzic offensichtlich bewusst für die Kamera herumgeführt. Das Ganze war von der serbischen Seite als Propagandaveranstaltung inszeniert. Karadzic hat nicht aus Versehen den geheimen Safari-Tourismus gezeigt. Karadzic wollte Propaganda für die serbische Seite machen und sah Limonov, einen berühmten Autor, als nützliches Mittel dazu. Man liess ihn darum auch ein paar Runden mit dem Maschinengewehr schiessen. Es ist immer noch möglich, dass Limonov bei den Aufnahmen auf Sarajevo schoss, aber es ist auch plausibel, dass er tatsächlich auf eine Zielscheibe schoss. Vor der BBC in die Stadt schiessen wäre schlechte Propaganda. Wie dem auch sei: Die Aufnahme mit Limonov ist so gut wie sicher kein Beleg für Sniper-Safaris. Es ist recht eindeutig eine von Karadzic für die BBC inszenierte Propagandaveranstaltung.
John Jordan, Eduard Limonov und die weiteren Beschreibungen in Teil 1 von Gavazzenis Buch sind insgesamt nicht neu. Der erste Teil von Gavazzenis Buch ist weitgehend eine Rekapitulation. Die neuen Behauptungen von Gavazzeni beginnen in Teil 2.
Teil 2: Il Legionario di Trieste
Teil 2 des Buches ist relativ kurz. Es umfasst nur das Kapitel 10, “Una carrozzeria, un bar e dei medicinali”, auf Deutsch “Eine Autowerkstatt, eine Bar und Medikamente”. In diesem Kapitel beschreibt Gavazzeni seinen Austausch mit einer anonymen Quelle, die er den Legionär von Triest nennt. Er war Automechaniker.
Der Legionär soll in den 1990er Jahren einen Mazedonier gekannt haben (Codename CB), der in Italien lebte und für die “capoccioni”, die Chefs aus der Pharmaindustrie, Menschenjagd-Touren organisierte. Der Legionär machte gemäss eigenen Aussagen nicht direkt bei den Sniper-Safaris mit. Er habe einige der Autos, die für die Menschenjagd präpariert wurden, vorbereitet.
Nel quarto viaggio ho preparato io stesso le Volvo. Tutte le Volvo 740 avevano tutte quante i porta armi. Si trovavano nel baule, erano tutti messi in fila nel baule, i porta armi li avevamo saldati noi, nel cofano della macchina.
Irgendwann landete der Legionär auf unerklärte Art in Belgrad und wurde Leibwächter des Popstars Ceca, die die Ehefrau des serbischen paramilitärischen Führers Arkan (Zeljko Raznatovic) war.
A questo punto dell’intervista si verifica una divagazione nel discorso. Il Legionario ci racconta di essere stato la guardia del corpo della moglie di Arkan a Belgrado e dei figli. Il suo nome è Svetlana Ražnatović soprannominata “Ceca” (la pronuncia apprendiamo è: Zezza).
Aber nicht nur das. Der Legionär erklärt, dass die Ermordung von Arkan im Jahr 2000 nur inszeniert war. Arkan sei noch quicklebendig und lebe auf Zypern.
Tornando al marito Arkan, e alla sua vicenda, il Legionario ci dice con tono compiaciuto che: “Lui è stato ammazzato per tutti i cittadini. Lui vive a Cipro. Lui è vivissimo. Più vivo di me, di te…”.
Das ganze Kapitel mit dem Legionär aus Triest ist in der Summe nur eine Ansammlung von bestenfalls vagen Behauptungen. Nichts, was diese Person behauptet, ist in irgendeiner Form belegt. Am Ende des Kapitels ist die Theorie der Sniper-Safaris in keiner Weise plausibilisiert. Im Gegenteil. Die Geschichten, die der Legionär über die Sniper-Safaris und seine Rolle dabei erzählt, sind hochgradig unglaubwürdig. Wenn eine Person behauptet, der Tod des paramilitärischen Führers Arkan, einer der bekanntesten Figuren auf dem Balkan, sei nur vorgetäuscht und er lebe in Wahrheit auf Zypern, dann dürften auch die anderen Behauptungen der Person von ähnlicher Qualität sein. Gavazzeni prüft absolut nichts, was der Legionär erzählt. Er nimmt alles so als gegeben an.
Teil 3: Il Francese
Der dritte Teil mit dem Titel “Il Francese” ist der Hauptteil des Buches. Zwei anonyme Figuren spielen hier die Hauptrolle. Die erste Figur ist “Innominato”, der Unbenannte. Die zweite Figur ist “il Francese”, der Franzose. Zum Francese komme ich weiter unten. Zunächst ein paar Informationen zu Innominato.
Innominato soll früher eine Verbindung zu oder Einblicke in SISMI gehabt haben. SISMI, der Servizio per le Informazioni e la Sicurezza Militare, war bis 2007 ein militärischer Nachrichtendienst. Gemäss Innominato habe eine anonyme Bekannte ihn mit Gavazzeni in Verbindung gebracht. Es gibt keinerlei Beweise im Buch, dass Innominato tatsächlich eine Verbindung mit SISMI hatte.
Innominato behauptet an einer Stelle, dass SISMI von den Sniper-Safaris wusste, aber der Dienst hätte nichts getan, weil es zu viele andere Probleme gab:
Il SISMI era a conoscenza di ciò che stava succedendo, anche se in maniera molto approssimativa, ma pare che nulla fece al fine che finisse la faccenda Arcieri. I nostri Servizi erano troppo presi a fare altro, nel casino che fu (e ancora è) la ex Jugoslavia (in particolare dal 1990 al 2000), per seguire una simile faccenda. Si rimandò, poi la faccenda andò via via a sgonfiarsi con il finire delle ostilità in Bosnia.
Auf Deutsch übersetzt:
Der SISMI war sich dessen bewusst, was vor sich ging, wenn auch nur in sehr ungefährer Weise, aber es scheint, dass er nichts unternommen hat, um die Angelegenheit der Schützen zu beenden. Unsere Dienste waren zu sehr damit beschäftigt, anderes zu tun, im Chaos, das das ehemalige Jugoslawien war (und noch immer ist) — insbesondere von 1990 bis 2000 —, um einer solchen Sache nachzugehen. Man verschob es, und die Angelegenheit verlief sich allmählich mit dem Ende der Feindseligkeiten in Bosnien.
Gleich danach insinuiert Innominato aber, dass SISMI aktiv in die Sniper-Safaris involviert war:
Io non so e neppure voglio sapere se il SISMI avesse una base operativa a Sarajevo, e qualora l'avesse non certo mi sarebbe concesso ottenere i nomi di chi operava in detta città, comunque mi è stato detto che alcuni non stanno dormendo da quando hai dato l'avvio mediatico alle danze.
Auf Deutsch übersetzt:
Ich weiss nicht und will auch nicht wissen, ob der SISMI eine operative Basis in Sarajevo hatte; und selbst wenn er eine gehabt hätte, würde man mir sicherlich nicht die Namen derer nennen, die in dieser Stadt tätig waren. Mir wurde jedoch gesagt, dass einige Leute seit dem Zeitpunkt, an dem du die mediale Aufmerksamkeit ins Rollen gebracht hast, nicht mehr schlafen können.
Das macht keinen Sinn. Zunächst sagt der Insider Innominato, dass SISMI nichts unternahm, weil der Dienst überlastet war. Und gleichzeitig sagt Innominato, dass SISMI aktiv an den Sniper-Safaris beteiligt war. Innominato weiss zwar explizit nicht, ob SISMI überhaupt in Sarajevo war — aber er habe etwas von jemandem gehört.
Das ist sinnbildlich für die Argumentation im gesamten Buch. Es ist eine Aneinanderreihung von Behauptungen, die nie in irgendeiner Art belegt werden und die sich auch ganz unmittelbar widersprechen.
Aber es geht noch weiter. Innominato erklärt auch, dass Sniper-Safaris nicht nur von den Serben durchgeführt wurden. Auch die kroatische und die slowenische Seite haben Sniper-Safaris angeboten:
Comunque anche da parte croata e pare anche slovena (non solo serba) successe [il fatto dei cecchini del weekend, nda], seppure in forma molto minore (essendo i croati e gli sloveni sostenuti dall’Occidente), “passatempi” come il cecchinare a pagamento civili, e ciò nelle prime fasi della guerra, cioè quando i combattimenti avvennero nel nord della ex Jugoslavia (non scordiamoci che le Forze Armate della Federazione Jugoslava – per lo più formate da serbi – giunsero alla periferia di Zagabria, poi, con l’aiuto anche nostro, i Croati ricacciarono indietro quel cuneo avanzato).
Übersetzt auf Deutsch:
Übrigens ereignete sich [das Phänomen der Wochenendschützen] auch auf kroatischer und offenbar sogar auf slowenischer Seite (nicht nur auf serbischer), wenn auch in weit geringerem Ausmass (da die Kroaten und Slowenen vom Westen unterstützt wurden) — ‹Zeitvertreibe› wie das bezahlte Schiessen auf Zivilisten. Dies geschah in den frühen Phasen des Krieges, als die Kämpfe im Norden des ehemaligen Jugoslawiens stattfanden (man vergesse nicht, dass die Streitkräfte der Jugoslawischen Bundesrepublik — grösstenteils aus Serben zusammengesetzt — bis an die Peripherie von Zagreb vordrangen, bevor die Kroaten, auch mit unserer Hilfe, diesen Vormarschkeil zurückdrängten).
En passant wird die Theorie der Sniper-Safaris drastisch ausgeweitet. Auch für diese Behauptung werden wie gewohnt keine Belege geliefert, und wie gewohnt hakt Gavazzeni auch hier nicht nach.
Die Qualität der Aussagen von Innominato zeigt sich gut in einer Antwort auf Gavazzenis spekulative Frage, ob eine bis heute bestehende Sicherheitsfirma in die Sniper-Safaris involviert gewesen sei. Innominato sagt:
Sì, era una società di security che operava a due e più livelli. Erano i dirigenti che gestivano i livelli usando soprattutto sedi non ufficiali. Una volta visitai una cascina fuori Milano dove si addestravano elementi, che poi avrebbero operato all'estero a livello militare, come contractor, o guide in zone di guerra.
Molti erano i soldi che giravano, usati anche per tenere a bada “certi” delle forze dell’ordine in modo che non ficcassero il naso. Probabilmente anche per fare in modo che i Servizi girassero lo sguardo da un’altra parte, oppure che i Servizi a loro volta usassero tali pratiche ai loro fini. Tutto è possibile. Io sono stato operativo a livelli non alti, non di intelligence e, detto fra noi, dei metodi delle intelligence me ne è sempre fregato poco.
Auf Deutsch übersetzt:
Ja, es war eine Sicherheitsfirma, die auf zwei und mehr Ebenen operierte. Es waren die Führungskräfte, die diese Ebenen verwalteten, wobei sie vor allem inoffizielle Standorte nutzten. Einmal besuchte ich einen Bauernhof ausserhalb von Mailand, wo Personen ausgebildet wurden, die später im Ausland auf militärischer Ebene tätig sein sollten — als Söldner oder als Führer in Kriegsgebieten.
Es floss viel Geld, das auch dazu verwendet wurde, ‹gewisse Leute› bei den Strafverfolgungsbehörden ruhigzustellen, damit sie ihre Nase nicht in die Angelegenheit steckten. Wahrscheinlich auch, um dafür zu sorgen, dass die Dienste wegschauten — oder dass die Dienste ihrerseits solche Praktiken für ihre eigenen Zwecke nutzten. Alles ist möglich. Ich war auf nicht hohen Ebenen operativ tätig, nicht im Nachrichtendienstbereich, und, unter uns gesagt, haben mich die Methoden der Geheimdienste nie sonderlich interessiert.
Klar, es war eine Sicherheitsfirma. Und es floss allgemein viel Geld. Die Geheimdienste waren auch involviert. Alles ist möglich. Tutto è possibile.
Spätestens hier sollte klar sein, wie fragwürdig das gesamte Buch ist. Aber die Behauptungen werden noch aussergewöhnlicher. Denn Innominato hat für Gavazzeni Kontakt zu einem weiteren Insider hergestellt: Il Francese.
Der Franzose soll ein Söldner im Bosnienkrieg gewesen sein, der Gruppen reicher Sniper-Touristen zum Morden nach Bosnien geführt hat. Il Francese ist einer der Drahtzieher der Sniper-Safaris. Warum spricht er mit Gavazzeni über seine Verbrechen? Weil der Franzose für seine Dienste nicht fertig bezahlt wurde. Darum ist er wütend und packt jetzt aus.
Ma per sua ammissione il Francese ha qualche “sassolino” da togliersi dalle scarpe: la società che organizza i tour in Bosnia Erzegovina gli dovrebbe dei soldi (che, passati oltre 30 anni, non riceverà mai più, credo) e per questa ragione si è risolto a raccontarmi la sua storia. Per questo lo ringrazio.
Bevor wir einige Behauptungen des Franzosen genauer anschauen, eine allgemeine Beobachtung: Die Geschichte ist bereits jetzt mit der blossen Einführung des Franzosen hochgradig unplausibel. Gavazzeni sagt, er wolle die Verbrechen der Sniper-Safaris aufdecken. Er hat einen der Drahtzieher der Sniper-Safaris identifiziert, der gegen Bezahlung reichen Psychopathen das Morden ermöglichte. Il Francese ist also, wenn seine Geschichte wahr ist, ein schrecklicher Verbrecher. Und was macht Gavazzeni mit diesem Verbrecher? Liefert er ihn der Polizei aus? Nein. Er macht mit ihm ein Interview und schützt seine Identität.
Das ist inkonsistent. Wenn Gavazzeni wirklich glaubt, dass il Francese ist, wer er sagt, dass er ist, hätte er ihn sofort der Polizei melden müssen. Zusammen mit Innominato: Innominato hat den Kontakt zum Franzosen hergestellt. Und gemäss Gavazzeni kennt Innominato noch weitere Drahtzieher der Sniper-Safaris. Gavazzeni hat nach seiner eigenen Erzählung also einen der Drahtzieher hinter den Sniper-Safaris identifiziert und mit Innominato so etwas wie einen Gehilfen oder im Minimum einen Insider, der weitere Sniper-Safari-Verbrecher kennt und nicht der Polizei meldet. Die Verbrechen aufdecken zu wollen und gleichzeitig mindestens einen der Verbrecher zu schützen ist für mich ein grosser Widerspruch.
Und was für Informationen enthüllt der Franzose? Einerseits sehr detaillierte, präzise Angaben zu den Sniper-Safaris. Aber gleichzeitig ausschliesslich Angaben, die in keiner Weise dazu beitragen, weitere Täter oder sonstwie Beteiligte zu identifizieren. Der Franzose erinnert sich beispielsweise noch ganz genau an die Preisliste für die Morde.
EG: Ha un’idea delle tariffe? Ho saputo che erano differenziate: i bambini costavano di più, poi le donne, gli uomini e i vecchi che invece erano gratis? Corrisponde al vero?
F: No, si pagavano tutti gli obiettivi, anche i vecchi. Agli inizi se seccavi un bambino costava 30 milioni di lire, una donna 20, un uomo maturo 10 e un vecchio o vecchia 3 (alcuni facevano 2 milioni per i vecchi). A fine guerra un bambino o una bambina oppure un ragazzo o una ragazza costavano anche 90-100 milioni ognuno, una donna 70-80, un uomo maturo 40-50 e un anziano 10-15; comunque, per lo più, agli “Arcieri” facevano gola i bambini, i giovani e quelle ragazze sui 20, 30, massimo 35 anni di età. Anche, all’occorrenza, militari o paramilitari, quelli costavano più di un bambino perché poi rischiavi.
Auf Deutsch übersetzt:
EG: Haben Sie eine Vorstellung von den Tarifen? Ich habe erfahren, dass diese gestaffelt waren: Kinder kosteten am meisten, dann Frauen, Männer, und ältere Menschen waren hingegen gratis? Stimmt das so?
F: Nein, alle Ziele wurden bezahlt, auch ältere Menschen. Am Anfang kostete es 30 Millionen Lire, ein Kind zu töten, 20 Millionen für eine Frau, 10 Millionen für einen erwachsenen Mann und 3 Millionen für eine ältere Person (manche berechneten 2 Millionen für ältere Menschen). Gegen Ende des Krieges kostete ein Kind oder ein Jugendlicher bis zu 90 bis 100 Millionen Lire pro Person, eine Frau 70 bis 80 Millionen, ein erwachsener Mann 40 bis 50 Millionen und eine ältere Person 10 bis 15 Millionen. Im Allgemeinen hatten die Schützen vor allem Appetit auf Kinder, Jugendliche und junge Frauen zwischen 20 und höchstens 35 Jahren. Gelegentlich auch Militärangehörige oder Paramilitärs — diese kosteten mehr als ein Kind, weil man dabei ein Risiko einging.
Kinder waren am teuersten. Die Sniper-Touristen wollten am meisten Kinder, Jugendliche und junge Frauen ermorden. Der Franzose erinnert sich auch noch genau an die Trophäen, die die Sniper-Touristen erhielten:
EG: Ogni cacciatore che partecipa a un safari vuole un trofeo della vittima da portare a casa. In questo caso avvicinarsi alla vittima, per sottrarre una parte anatomica da portare a casa come un orecchio, dita, capelli… è impossibile perché il cadavere si trova steso a terra a 500-800 metri di distanza e in mezzo alla città, per giunta. Se l’Arciere veniva perquisito prima di partire e gli venivano sottratti il cellulare (allora gli apparecchi non avevano la fotocamera!) e le eventuali macchine fotografiche, come poteva portarsi a casa il trofeo? Qual era l’oggetto, parte anatomica, altro… da considerarsi trofeo?
F: Il trofeo era il bossolo sul quale l’accompagnatore indicava con un colore quale era il bersaglio colpito: azzurro o rosa per un bambino-bambina, ragazzino-ragazzina; rosso per uomo; rosso e verde se militare; giallo se donna; giallo e verde se donna militare; nero e azzurro se anziano, nero e rosa se anziana. Le munizioni usate erano di solito Winchester 308 – 7,62 × 51 mm Nato – da guerra.
Auf Deutsch übersetzt:
EG: Jeder Jäger, der an einer Safari teilnimmt, möchte eine Trophäe des Opfers mit nach Hause nehmen. In diesem Fall ist es unmöglich, sich dem Opfer zu nähern, um einen Körperteil wie ein Ohr, Finger oder Haare als Andenken mitzunehmen, da die Leiche 500 bis 800 Meter entfernt mitten in der Stadt liegt. Wenn der Schütze vor der Abreise durchsucht wurde und ihm das Mobiltelefon (damals hatten die Geräte noch keine Kamera!) sowie etwaige Fotoapparate abgenommen wurden — wie konnte er dann eine Trophäe mit nach Hause nehmen? Was galt als Trophäe; ein Gegenstand, ein Körperteil, etwas anderes?
F: Die Trophäe war die Patronenhülse, auf der der Begleiter mit einer Farbe markierte, welches Ziel getroffen worden war: Hellblau oder Rosa für einen Jungen oder ein Mädchen bzw. einen Jugendlichen; Rot für einen Mann; Rot und Grün für einen Militärangehörigen; Gelb für eine Frau; Gelb und Grün für eine Soldatin; Schwarz und Blau für einen älteren Mann; Schwarz und Rosa für eine ältere Frau. Die verwendete Munition war in der Regel Winchester 308 — 7,62 × 51 mm Nato — Kriegsmunition.
Das ist die Passage mit den Farbmarkierungen der Patronenhülsen. Interessant ist hier zunächst die Art, wie Gavazzeni die Frage stellt: Maximal suggestiv. Die ganze Passage ist aber hochgradig unlogisch. Gavazzeni stellt zunächst klar, dass für die Safaris strenge Sicherheitsvorkehrungen galten. Die Teilnehmer durften z.B. keine Fotoapparate auf sich haben, weil Fotos als Beweismittel die Safaris auffliegen lassen könnten. Aber gleichzeitig ist er überzeugt, dass die Teilnehmer Trophäen erhalten haben. Und er hakt nicht nach, als der Franzose behauptet, ausgerechnet Patronenhülsen seien die Trophäe gewesen. Also ausgerechnet der Gegenstand, der die Mörder forensisch am stärksten belasten würde.
Dieser Widerspruch ist m.E. bemerkenswert. Einerseits waren die Sniper-Safaris derart professionell und kompetent organisiert, dass Hunderte reiche Elite-Angehörige unbemerkt und ungestraft Menschen aus Spass ermorden konnten. Andererseits und gleichzeitig waren die Sniper-Safaris aber derart dilettantisch und inkompetent organisiert, dass die Trophäen für die Morde ausgerechnet Patronenhülsen waren, mit denen man die geheim gehaltenen Morde nachweisen könnte.
Die Geschichten des Franzosen kennen kein Ende. Zum Beispiel sagt er, dass es auch Sniper-Touristen gab, die umgebracht wurden, wenn sie jemand zufällig in flagranti erwischte. Das wurde dann alles sorgfältig vertuscht.
In Italia o in Francia avevamo medici complici pronti a redigere, a loro volta, un certificato di morte naturale, accogliendo come valido quello che giungeva dalla Serbia, o dalla Croazia. Inoltre i soldi fanno volgere lo sguardo da un’altra parte anche alle possibili forze dell’ordine addette alle frontiere, o alle dogane.
Mai una cassa da morto è stata aperta e mai si è tenuta una possibile autopsia su corpi di italiani, francesi, o belgi ricchi, quindi non certo mercenari o volontari. Almeno così mi risulta.
Tutta la “tradotta”, succedesse quel che succedesse, era ben oliata. In Italia, Francia, Belgio sono giunte anche casse da morto piene di sacchetti di sabbia, perché gli “Arcieri” e chi li accompagnava erano stati sepolti là; c’erano anche medici e anche guardie a libro paga, sia in Europa, sia là.
Auf Deutsch übersetzt:
In Italien oder Frankreich hatten wir komplizenhafte Ärzte bereit, die ihrerseits eine Sterbeurkunde mit natürlicher Todesursache ausstellten und dabei das für gültig erklärten, was aus Serbien oder Kroatien eintraf. Ausserdem bewirkt Geld, dass auch die zuständigen Strafverfolgungsbehörden an den Grenzen oder im Zoll wegschauen.
Nie wurde ein Sarg geöffnet, und nie wurde eine mögliche Autopsie an den Leichen reicher Italiener, Franzosen oder Belgier durchgeführt — also sicher keine Söldner oder Freiwilligen. Zumindest soweit mir bekannt ist.
Der gesamte ‹Transport›, was auch immer geschah, war gut geölt. Nach Italien, Frankreich und Belgien wurden auch Särge geliefert, die mit Sandsäcken gefüllt waren, weil die Schützen und ihre Begleiter dort begraben worden waren. Es gab sowohl in Europa als auch vor Ort Ärzte und Wachleute auf der Gehaltsliste.
Wenn man diese Behauptungen nur minimal kritisch hinterfragt, zeigt sich, wie hochgradig unplausibel sie sind. Einerseits sollen Ärzte und Grenzwächter in verschiedenen Ländern auch Teil der Sniper-Safaris gewesen sein. Das Netzwerk wird mit jedem Kapitel der Geschichte grösser und mächtiger. Aber warum sollte man dann Sandsäcke anstatt der Leichen zurückschicken? Die Sandsäcke in den Särgen wurden ja mit offiziellem Namen der Person zurückgeschickt. Wenn es Grenzwächter und Ärzte gab, die die Todesursache vertuschen — warum dann nicht einfach die Leichen zurückschicken? Es ist viel wahrscheinlicher, dass die ganze Sache auffliegt, wenn in einem Sarg nicht eine tote Person liegt, sondern Sandsäcke. Wenn man eine Leiche hat, muss man nur die Todesursache vertuschen. Wenn man keine Leiche hat, muss man die Todesursache vertuschen — und man muss zusätzlich den Umstand vertuschen, dass man keine Leiche hat.
Die Behauptungen des Franzosen sind weder konsistent noch plausibel. Wie alles in diesem Buch ist nichts davon in irgendeiner Art belegt. Und wie sonst in diesem Buch hinterfragt Gavazzeni auch hier nichts. Das Ausmass der offenkundigen Widersprüche und logischen Unstimmigkeiten ist bemerkenswert.
Zusammengefasst: Die Plausibilität der Sniper-Safaris
Was ist zusammenfassend von der Vorstellung reicher Europäer, die in Sarajevo aus Spass und gegen Bezahlung auf Menschenjagd gingen, zu halten? Ich möchte an dieser Stelle ein wenig differenzieren. Es gibt mindestens drei unterschiedliche Hypothesen oder Szenarien, die denkbar sind. Ich sehe drastische Unterschiede in ihrer Plausibilität, die ich in entsprechenden Wahrscheinlichkeiten ausdrücke.
Szenario A: Sniper-Safaris nach Gavazzenis Lesart
Wahrscheinlichkeit ~0
Szenario B: Sniper-Safaris allgemein, ohne Gavazzenis Geschichte
Wahrscheinlichkeit ~0.05
Szenario C: Ausländische Kämpfer in Sarajevo und Bosnien allgemein
Wahrscheinlichkeit ~1
Diese Einschätzungen möchte ich kurz begründen.
Szenario A: Sniper-Safaris nach Gavazzenis Lesart
Die Wahrscheinlichkeit für Szenario A sehe ich bei ~0. Ich habe oben versucht, aufzuzeigen, wie epistemisch nutzlos Gavazzenis Behauptungen sind. ~0 bedeutet nicht genau 0, und sogar genau 0 bedeutet nicht unmöglich. Die Qualität der Argumentation ist bei Gavazzeni einfach sehr tief. Er hält das Versprechen, das er im Vorwort gibt: Er beweist mit seinem Buch nichts. Die angeblichen Insider Innominato und il Francese stellen sehr viele sehr weitreichende Behauptungen auf, die nicht mal im Ansatz belegt sind. “Tutto è possibile” ist keine investigative Recherche. Es ist eine alberne epistemische Haltung, die aber sehr guten sensationalistischen Impact hat.
Szenario B: Sniper-Safaris allgemein, ohne Gavazzenis Geschichte
Die Wahrscheinlichkeit für Szenario B sehe ich bei ~0.05. Die Wahrscheinlichkeit für Sniper-Safaris ohne Gavazzenis zusätzliche Behauptungen muss höher sein als die Wahrscheinlichkeit für Gavazzenis Variante. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bedingung A zutrifft, muss höher sein als die Wahrscheinlichkeit, dass Bedingungen A + B zutreffen.
Eine Wahrscheinlichkeit im Bereich von ~0.05 ist vielleicht zu hoch geschätzt. Damit will ich zum Ausdruck bringen, dass die Plausibilität von Sniper-Safaris allgemein rund eine Grössenordnung höher ist als die Plausibilität von Gavazzenis spezifischen Behauptungen zu Sniper-Safaris. Ich denke, dass die Möglichkeit, dass es in Sarajevo reiche psychopathische Sniper-Touristen gab, eine geringe, aber eine nicht-triviale Wahrscheinlichkeit hat. Die Hypothese, dass es damals ein europaweites Netzwerk an reichen Eliten und ihrer vielen Gehilfen gab, die unbemerkt und bis heute unbewiesen nach Sarajevo reisen konnten, um Menschen zu ermorden, ist aber grundsätzlich unplausibel. Krieg ist inhärent volatil. Unter den Bedingungen des Kriegschaos auf dem Balkan ein grosses internationales Netzwerk der Menschenjagd fehlerfrei aufrecht zu erhalten, wäre eine phänomenale logistisch-organisatorische Meisterleistung.
Es ist möglich, dass es ein europaweites Netzwerk an Menschen gab, die so mächtig sind, dass sie im grössten europäischen Kriegschaos seit dem Zweiten Weltkrieg zum Spass unzählige Menschen ermorden konnten. Und dass dieses Netzwerk es geschafft hat, alle Beweise dafür zu vertuschen. Und dass dieses Netzwerk es auch geschafft hat, die sehr vielen Drahtzieher und Gehilfen in diesem Netzwerk, die die Menschenjagd ermöglicht haben, bis heute schweigen zu lassen. Das alles ist möglich, aber es ist sehr unwahrscheinlich.
Szenario C: Ausländische Kämpfer und Unterstützer
Die Wahrscheinlichkeit für Szenario C sehe ich bei ~1. Das dürfte das sein, was in Sarajevo und an anderen Kriegsschauplätzen des Jugoslawienkriege am ehesten geschehen ist. Und das dürfte auch der Grund sein, warum die Theorie eines grossen europaweiten Elite-Netzwerkes an Sniper-Touristen entstanden ist.
Es ist eine historisch dokumentierte Tatsache, dass ideologisch motivierte Menschen aus dem Ausland in den Jugoslawienkriegen mitkämpften, auf allen Seiten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ausländische Kämpfer auch in Sarajevo zugegen waren. Im Allgemeinen stammten pro-kroatische ausländische Kämpfer eher aus westlichen Ländern und pro-serbische eher aus östlichen Ländern. Es gab aber auch in Westeuropa Sympathien für die serbische Seite, etwa in Teilen der rechtsextremen Szene (die mehrheitlich pro-kroatisch war).
Die Theorie, dass in Sarajevo ausländische Kämpfer auf der serbischen Seite waren, ist um eine Grössenordnung plausibler als die Theorie, dass es ein grosses europaweites Elite-Netzwerk sadistischer Menschenjäger existierte. Ausländische Kämpfer sind ideologisch genug radikalisiert, dass sie sich in ein Kriegsgebiet wagen, um zugunsten einer bestimmten Seite Gewalt gegen die andere Seite anzuwenden. Dass solche ausländischen Kämpfer auffallen, ist nicht überraschend, sondern zu erwarten. Sie sind keine Einheimischen und meistens auch keine Soldaten. Sie sind ideologisierte Überzeugungstäter.
Die ausländischen Kämpfer bilden keine trennscharfe, klar abgrenzbare Gruppe. Es ist durchaus denkbar, dass ein nicht-trivialer Teil der Leute, die wir nachträglich als ausländische Kämpfer klassifizieren, nicht wirklich politisch motiviert waren. Wer freiwillig in den Krieg zieht, dürfte allgemeinen maladaptive psychologische Charakteristiken aufweisen. Es kann sehr gut sein, dass in der diffusen Gruppe der ausländischen Kämpfer auch sadistisch und psychopathisch motivierte Männer dabei waren, die in erster Linie einfach morden wollten. Das wollten schliesslich auch viele Soldaten in den Jugoslawienkriegen, nicht zuletzt im Rahmen des Genozids in Bosnien.
Wir wissen also, dass es in Bosnien relativ viele Männer aus dem Ausland gab, die auf der serbischen Seite waren und die Gewalt gegen die bosniakische Seite ausübten (Schätzungen zufolge wahrscheinlich Hunderte bis rund 1’500). Es ist sehr plausibel, dass es solche Personen auch in Sarajevo gab. Das könnte die Erklärung für die Theorie der Sniper-Safaris sein: Tatsächlich kamen Männer aus dem Ausland, um zu morden. Der Hintergrund wäre in diesem Szenario aber kein europaweites Elite-Netzwerk, sondern ideologische Radikalisierung in Kombination mit maladaptiven Persönlichkeitsmerkmalen.
Ein Medienversagen
Die Staatsanwaltschaft in Mailand ermittelt zu den Sniper-Safaris. Im Februar gab es eine Entwicklung, die den Sniper-Safaris Plausibilität zu geben scheint: Ein erster Verdächtiger, ein heute 80-jähriger Mann aus Italien, wurde für eine Aussage vorgeladen. SRF verkündete entsprechend: “Mailänder Justiz ermittelt gegen mutmasslichen Kriegstouristen”.
Im Bericht stützt sich SRF erneut auf Ezio Gavazzeni. Der “Investigativautor” habe “aufgedeckt”, dass reiche Ausländer offenbar viel Geld bezahlt hätten, um zum Spass auf wehrlose Opfer zu schiessen.
Der Bericht von SRF ist doppelt informativ. Erstens zeigt er nochmals, wie Gavazzenis Behauptungen komplett ungeprüft als erhärtete Fakten behandelt werden. Gavazzeni hat absolut nichts “aufgedeckt” — er erklärt das sogar explizit im Vorwort seines Buches. Für SRF scheint das aber irrelevant.
Zweitens ist informativ, was SRF über den 80-jährigen Verdächtigen nicht sagt. Der Mann ist ein ehemaliger Lastwagenfahrer und soll ideologisch eine rechtsextreme Vergangenheit haben. Er wird nun verdächtigt, weil er in der Öffentlichkeit mit seinen Verbrechen geprahlt haben soll. Es kann sein, dass dieser Mann in Sarajevo unschuldige Menschen erschossen hat — ich hoffe aufrichtig, dass er verurteilt wird, falls dem so ist. Ein rechtsextremer Lastwagenfahrer passt aber ganz und gar nicht in die Geschichte eines europaweiten Elite-Netzwerkes reicher Psychopathen, die für 100’000 Euro und mehr Gott spielten. Ein Rechtsextremer, der dumm genug ist, seine Verbrechen in aller Öffentlichkeit zu verraten, entspricht nicht dem Bild der “hochintelligenten Elite-Raubtiere”, das die Medien gestützt auf Gavazzeni von den Mitgliedern des angeblichen Elite-Netzwerkes der Sniper-Touristen gezeichnet haben.
Die mediale Berichterstattung zu der ganzen Angelegenheit ist erstaunlich. Analytisch gesehen ist es eine Dynamik des kollektiven Confirmation Bias: Eine Geschichte wird vollumfänglich als wahr hingenommen und die Berichterstattung findet auf dieser unbedingten Prämisse statt. Es findet keinerlei Prüfung des Sachverhaltes statt. Es würde genügen, nur schon das Vorwort in Gavazzenis Buch zu lesen, um zu merken, dass man vielleicht einen Gang herunterschalten sollte. Aussergewöhnliche Behauptungen erfordern bekanntlich aussergewöhnliche Evidenz. Im Fall von Gavazzenis Behauptungen zu Sniper-Tourismus bleibt es bei den aussergewöhnlichen Behauptungen. Journalisten, deren Beruf es ist, nach der Evidenz zu fragen, tun dies in diesem Fall nicht.
Ich kann die Motivation der Journalisten auf einer psychologischen Ebene gut nachvollziehen. Der angebliche Sachverhalt ist so monströs und die vielen dokumentierten Gräueltaten der Jugoslawienkriege so schrecklich, dass man einen Drang verspürt, sich über das Unrecht zu empören. Die Dramaturgie des Verbrechens ist einfach zu eklatant: Reiche Männer aus dem Westen nutzen ihre Macht, um die schwächsten der Schwachen zu ermorden. Hinzu kommt, dass journalistische Medien dazu neigen, bei emotional aufgeladenen Themen ähnlich zu berichten. Nicht zuletzt, weil es eine journalistische Heuristik ist, in das gängige Deutungsmuster miteinzustimmen.
Wenn man die Theorie der Sniper-Safaris wie ich in diesem Text kritisch hinterfragt, entsteht der Verdacht, dass man das Leid der Opfer nicht ernst nimmt oder sogar Partei für die monströsen “Elite-Raubtiere” ergreift. Ich habe darum mit diesem Text gehadert. Erst, als ich begann, Gavazzenis Buch zu lesen, habe ich mich entschieden, den Text zu schreiben. Die Kluft zwischen medialer Berichterstattung und epistemischer Qualität der Quelle ist derart gross, dass ich das nicht unangesprochen lassen kann.
Das Medienversagen in der Berichterstattung zu den Sniper-Safaris ist nicht einmalig. Es gibt immer wieder Berichterstattungswellen, in denen (nachvollziehbare) moralische Empörung Vorrang vor einer Prüfung der Sachlage hat. Vor rund vier Jahren grassierte in Europa zum Beispiel die grosse Angst vor “Needle Spiking”.
Needle Spiking war das Phänomen, dass viele Tausende Frauen in ganz Europa berichteten, sie seien mit Spritzen angegriffen worden, mit denen ihnen unbekannte Täter unbekannte Substanzen injizieren wollten. Der Begriff Needle Spiking stammt von “Spiking” ab, bei dem Männer Betäubungsmittel in Getränke von Frauen geben, um sie zu missbrauchen.
Auch damals gab es eine grosse Berichterstattungswelle, die unhinterfragt davon ausging, dass der Sachverhalt wahr ist. Auch damals wurden Experten befragt, die meinten, den Tätern gehe es um Macht und Sadismus. Auch damals wurde in den Medien nicht reflektiert, wie plausibel so eine internationale Angriffswelle eigentlich ist. Heute wissen wir, dass es keine internationale Welle an Needle Spiking gab. In Frankreich und dem Vereinigten Königreich wurde das Phänomen umfassend untersucht: Es gab keinen einzigen bestätigten Fall. Needle Spiking war ein psychogenes Massenleiden. Eine “soziale Panik”, die sich über Social Media und über Medien verbreitete und bei Betroffenen zu realem Leid führte. Als ich damals die mediale Berichterstattung dazu kritisierte und argumentierte, dass psychogenes Massenleiden die plausiblere Erklärung als eine internationale Needle-Spiking-Welle ist, wurde ich dafür heftig kritisiert. U.a. wurde mir vorgeworfen, ich würde den Missbrauch von Frauen nicht ernst nehmen.
Nicht falsch verstehen: Damit will ich nicht sagen, dass die Geschichte der Sniper-Safaris ein psychogenes Massenleiden ist. Natürlich nicht; es handelt sich analytisch um komplett andere Situationen. Die Ähnlichkeit in diesen Fällen ist die Dynamik der medialen Berichterstattung. Ich habe Needle Spiking als Beispiel genommen, um zu argumentieren, dass die mangelhafte Berichterstattung zu den Sniper-Safaris nicht ein einmaliges Phänomen ist, sondern eine Folge journalistischer Routinen und Heuristiken. Die moralische Konstellation ist in beiden Fällen so deutlich und so stark, dass die einzige korrekte Reaktion Empörung und Verurteilung zu sein scheint. Das verstehe ich auf einer menschlichen Ebene sehr gut. Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass Journalismus auch moralisch motiviert ist. Die moralische Einordnung muss aber auf einem soliden, gut begründeten Boden der Tatsachen stattfinden. Wenn die Faktenlage nicht geklärt ist, ist auch die moralische Einordnung entsprechend unpräzise.
Im Fall der Behauptungen von Ezio Gavazzeni fehlt dieser Boden der Tatsachen komplett. Wenn man sich journalistisch damit nicht auseinandersetzt und sich stattdessen auf die moralische Einordnung kapriziert, bedeutet das einen Journalismus, der sich in freiem Fall befindet.













Besten Dank, Marko. Ich verstehe nicht, warum die SRG kein Format hat, das rückblickend Themen oder eigene Aussagen selbstkritisch aufarbeitet. Ein solches Format würde die Qualität der SRG deutlich erhöhen und ihre Glaubwürdigkeit stärken. Oder bin ich einfach naiv oder ist die SRG ängstlich, ahnungslos oder zu sehr von sich selbst überzeugt?
Ich danke dir jedenfalls dafür, dass du dir die Mühe gemacht hast, dieses Buch so gründlich zu lesen und zu analysieren. Solche Bücher lese ich nicht mehr, seit ich in einem Werk über die amerikanische Aussenpolitik der Bush‑Jahre den Satz fand: „A hat gehört, wie B am Telefon sagte …“. Seitdem prüfe ich zuerst, ob eine Bibliografie vorhanden und zumindest halbwegs seriös ist.
Grazie. Molto interessante. Che cosa pensa delle testimonianze sui turisti cecchini riportate nel documentario "Sarajevo Safari" e citate nella prima parte del libro di Gavazzeni?