Zivilisationsmüdigkeit
Entropie und der Zerfall der Gesellschaft.
Fortschritt ist zerbrechlich. Er scheint gegenwärtig zu zerbrechen.
Wir sind mit so grossen Herausforderungen wie noch nie konfrontiert. Künstliche Intelligenz, Klimawandel, Infektionskrankheiten, Migration, bewaffnete Konflikte — die Welt kommt nicht aus dem Krisenmodus heraus. Das Ende der Geschichte, das Francis Fukuyama nach dem Ende der Sowjetunion ausrief, lässt auf sich warten. Gleichzeitig sprechen immer mehr Menschen politischen Kräften ihre Unterstützung aus, die geloben, das System, den verhassten Status Quo, die vermeintliche Wurzel allen Übels zu zerschlagen. Misstrauen gegenüber Eliten aller Art, in Politik, Medien, Wissenschaft, nimmt zu. Menschen sehnen sich fast verzweifelt nach Veränderung.
Der Wunsch nach Veränderung ist nicht per se schlecht. Schlecht ist aber, dass jene, die Veränderung versprechen und verkörpern, nicht selten mit dem Status Quo auch demokratische Werte und Institutionen zu zerschlagen drohen. Viktor Orbán wird als Kämpfer gegen den Mainstream verehrt, obwohl er Ungarn zu einer kleptokratischen “illiberalen Demokratie” umgebaut hat. Donald Trump wurde als Symbol des Widerstandes gegen das Establishment wiedergewählt, obwohl er als Milliardär der Inbegriff des Establishments ist und vor vier Jahren einen Putsch gegen die amerikanische Demokratie durchführte. Vladimir Putin wird als Bollwerk gegen eine angeblich übergriffige Nato gefeiert, obwohl er ein Diktator ist, der imperialistische Kriege führt und Menschen, die ihn dafür kritisieren, einsperrt.
Der Anti-Establishment-Zeitgeist zeichnet sich auch durch eine spezifische Art der anti-intellektuellen Komplexitätsverweigerung aus. Ein Unwille, die Welt in Grautönen zu sehen, um stattdessen einfache Schwarz-Weiss-Schemata anzuwenden. Ein Rückzug in diskursive Echokammern, die ideologisch hochgradig homogen sind. Ein kategorisches Ablehnen von Gegenargumenten und Evidenz, die bestehende Überzeugungen in Frage stellen.
Die Debatte darüber, warum wir uns in dieser dreifachen Zerreissprobe befinden — wachsende globale Herausforderungen bei gleichzeitiger Erosion von Demokratie und des epistemischen Minimalkonsenses — ist lang und uferlos. Hypothesen gibt es zuhauf: Es ist rechte Identitätspolitik (Rassismus, Sexismus, Anti-LGBTQ), es ist eine Reaktion auf übertriebene linke Identitätspolitik (Anti-Rassismus, Anti-Sexismus, Pro-LGBTQ), es ist ein Aufbegehren der vergessen gegangenen ökonomischen Globalisierungsverlierer, es ist die Vollendung von Politik als Spektakel (die Trumps und Johnsons und Mileis dieser Welt klopfen in Zeiten der Reizüberflutung einfach die geilsten Sprüche), es ist Socia-Media-induzierter Brainrot.
An einigen dieser Hypothesen mag etwas dran sein, vielleicht sogar an allen. Ich glaube aber, dass der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft mit solchen Hypothesen letztlich nicht wirklich erklärt wird. Sie kratzen alle lediglich an den unmittelbaren tagesaktuellen Korrelaten und Indikatoren des Problems, ohne das Problem an sich in seiner Gänze wirklich zu fassen.
Damit wir genauer fassen, was los ist, müssen wir ungewohnt stark herauszoomen und den gesellschaftlichen Status Quo aus einer ganz anderen analytischen Perspektive verstehen: Anhand der abstrakten Dynamiken zivilisatorischen Fortschritts und zivilisatorischen Zerfalls.
Zivilisation
Aus einer übergeordneten Perspektive zeichnen vier wesentliche Eigenschaften oder Parameter unsere Zivilisation aus: Fortschritt, Komplexität, Zerbrechlichkeit, Risiko.
Fortschritt umfasst technologisch-wissenschaftliche wie auch normativ-moralische Entwicklungen, die im weitesten Sinn und grob gesagt Leid reduzieren und Glück erhöhen. Waschmaschinen sind instrumentell sehr nützlich, weil Kleiderwaschen damit viel einfacher wird, was das Leben von Menschen verbessert. Demokratische Gleichstellung von Frauen und Männern als moralische Norm erhöht Selbstbestimmung und reduziert Ausbeutung und Missbrauch, was das Leben von Menschen verbessert. Krebstherapien werden immer wirksamer und Krebs immer besser behandelbar, was das Leben von Menschen verbessert. Und so fort. Fortschritt bedeutet lebenswertere Leben.
Komplexität ist die mehr oder weniger symmetrische Begleiterscheinung zu Fortschritt. Komplexität bedeutet, dass gesellschaftliche Abläufe vielschichtiger und funktional differenzierter werden. Damit du diesen Text auf dem Computer, den du im Moment benutzt, lesen kannst, sind sehr viele unterschiedliche wirtschaftliche, politische und soziale Abläufe nötig. Alleine die Herstellung von Fotolithographie-Maschinen, mit denen Mikrochips produziert werden, ist derart komplex und spezialisiert, dass rein statistisch fast niemand auf der Welt versteht, wie das funktioniert. Genau das ist Komplexität: Ineinander verschränkte funktional ausdifferenzierte Teilsysteme, die in der Summe Fortschritt zeitigen, der in einfachen Gesellschaftsformen mit viel Generalistentum und wenig Spezialisierung nicht möglich ist.
Zerbrechlichkeit ist die Kehrseite von Komplexität. Je komplexer Gesellschaften werden, desto verwundbarer werden sie durch Störungen oder Krisen. Ein Beispiel für solche Zerbrechlichkeit sind moderne Lieferketten. Die Lieferketten für zahlreiche wichtige Güter sind heute fast maximal effizient optimiert. Es gibt keine grossen Lagerbestände, es gibt keine aufwendigen und trägen vertikal integrierten Lieferketten. Das Motto des Grossteils der globalen Wirtschaft lautet stattdessen “Just in Time”. Güter werden dynamisch im Lichte von Angebot und Nachfrage hergestellt und genutzt. Das ist nicht nur sehr effizient, sondern auch auf eine faszinierende Art elegant. Die unsichtbare Hand des Marktes, die Adam Smith vor langer Zeit beschrieb. Die Kehrseite dieser Eleganz ist aber Zerbrechlichkeit: Komplexe und hoch effiziente Lieferketten sind sehr verletzbar, wenn etwas schiefgeht. Wenn nur ein Glied in der optimierten Lieferkette ausfällt, kollabiert das gesamte System. Wegen des Schocks der Covid-Pandemie beispielsweise drosselten Chip-Hersteller in Südkorea und Taiwan ihre Produktion. Die Folge war ein jahrelanger, weltweiter Chipmangel.
Risiko schliesslich ist die Konsequenz von Fortschritt und Zerbrechlichkeit. Zivilisatorische Entwicklung schafft zwei Arten von Risiko. Einerseits in Form der oben beschriebenen Zerbrechlichkeit. Heute können Abläufe schiefgehen, die vor 500 Jahren nicht schiefgehen konnten, weil es sie damals nicht gab. Andererseits schafft zivilisatorischer Fortschritt auch neue, insbesondere technologiebezogene Risiken. Ein Beispiel für diese Art neuer Risiken ist das AI-Wettrüsten der letzten Jahre. Die unregulierte Entwicklung immer wirksamerer AI-Anwendungen birgt das unmittelbare Risiko, dass diese Anwendungen für schädliche Zwecke eingesetzt werden. Darüber hinaus könnte das AI-Wettrüsten auch zur Folge haben, dass eine uns Menschen überlegene superintelligente AI entsteht, die aber gravierende, für uns existenziell gefährliche Mängel enthält. Das alte Motto “Move Fast and Break Things” lässt grüssen.
Fortschritt, Komplexität, Zerbrechlichkeit, Risiko. Je weiter wir als Zivilisation vorwärts kommen, desto näher stehen wir am Abgrund. Wir können vor ihr wegrennen, aber sie holt uns am Schluss immer ein: Entropie.
Entropie
Das physikalische Prinzip der Entropie besagt, dass das Universum zu gleichmässig verteilter Unordnung neigt. Asymmetrien von Energie und Materie zerfallen mit der Zeit in gleichförmiges Chaos. Auch der grösste und schönste Wolkenkratzer wird früher oder später, wenn wir ihn nicht ständig mit viel Energie in Stand halten, zu Staub zerfallen.
Entropie gibt es auch in sozialen Systemen. Zivilisatorischer Fortschritt und die mit ihm einhergehende wachsende Komplexität ist Energie, die wir einsetzen, um soziale Entropie zu reduzieren. Zerbrechlichkeit und Risiko ist Entropie, die sich zurückmeldet, um die grossen sozialen Institutionen, die wir gebaut haben, zu Staub zerfallen zu lassen.
Zivilisation ist letztlich nur das: Ein immerwährender Kampf gegen Entropie, ein nie endender Aufstand gegen Zerfall. Je weiter wir zivilisatorisch voranschreiten, desto mehr Energie ist nötig, um unsere sozialen Systeme in jenem Masse frei von Entropie zu halten, dass sie weiter bestehen können. So, wie physikalisch viel mehr Energie nötig ist, um einen grossen Wolkenkratzer vor dem Zerfall zu schützen als eine kleine Hütte, ist sozial viel mehr Energie nötig, um eine komplexe, technologisch fortgeschrittene und ineinander verschränkte Zivilisation vor dem Zerfall zu schützen als isolierte, einfach strukturierte Dörfer.
Es ist enorm anspruchsvoll, den zivilisatorischen Laden — den Turnverein, die Bäckerei, die Waschmaschinen-Fabrik, das Krankenhaus, die Stadt, den Staat, die Gesellschaft, die Region, die Welt— am Laufen zu halten. Und es wird immer schwieriger, weil zivilisatorischer Fortschritt automatisch bedingt, dass immer mehr Energie nötig ist, um ein Mindestmass an gesellschaftlicher Resilienz zu gewährleisten und neue Risiken zu reduzieren.
Ob wir als Zivilisation den Kampf gegen Entropie längerfristig ganz grundsätzlich gewinnen können, ist ungewiss. Ich bin nicht übertrieben optimistisch. Wir befinden uns im Moment mit nicht-trivialer Wahrscheinlichkeit an einem Wendepunkt unserer Entwicklung. Bisher konnten wir die Zerbrechlichkeit und die kollektiven Risiken, die mit der industriellen Revolution rasant an Fahrt aufnahmen, überstehen. Zu einem grossen Teil wohl, weil wir Glück hatten. Im Kalten Krieg beispielsweise sind wir öfter als uns lieb sein kann an einem recht heissen Atomkrieg nur um Haaresbreite vorbeigeschrammt.
Angesichts wachsender Zerbrechlichkeit und wachsender Risiken dürfte auch der optimistischste Zocker zum Schluss kommen, dass sich das Spiel zu unseren Ungunsten verändert und unser Glück nicht ewig währen kann. Das Haus gewinnt am Ende immer. Risiko holt uns früher oder später ein; wachsendes Risiko erst recht. Die einzige sichere Wette ist Zerfall.
Zivilisationsmüdigkeit
Viele Menschen spüren das. Sie haben ein vielleicht diffuses, aber treffendes Gefühl dafür, dass wir uns in aussergewöhnlichen Zeiten befinden. Dass viel auf dem Spiel steht und viel schiefgehen kann. Sie haben vielleicht keine ganz konkrete Diagnose für den Stand der Dinge, aber sie verstehen, dass es unter der dünnen zivilisatorischen Firnis der Ordnung und Stabilität mächtig brodelt. Sie fühlen sich alleine gelassen — und sie sind müde.
Die Herausforderungen, mit denen wir es zu tun haben, sind nicht reguläre Probleme, die wir im Rahmen unserer Lebenswelt als Individuen verstehen und bewältigen können. Es sind vielmehr, wie der Philosoph Timothy Morton sie nennt, Hyperobjekte. Hyperobjekte sind Konzepte, die räumlich und zeitlich so gross, so umfassend, so unfassbar sind, dass sie uns kognitiv überfordern. Über solche Probleme und mögliche Lösungen nachzudenken, ist enorm belastend. Entropie ist erdrückend.
Die meisten Menschen haben zudem auch gar keine Musse, über Klimawandel und künstliche Intelligenz und Pandemien zu grübeln. Sie müssen schauen, dass sie über die Runden kommen. Dass sie am Ende des Monats ihre Rechnungen bezahlen können. Die blosse Existenz als Mensch ist bereits ein Vollzeitjob mit Stressgarantie. Sich zusätzlich noch über um Grössenordnungen grössere Probleme den Kopf zu zerbrechen, ist einfach zu viel. Permanent in den Abgrund der Entropie starren zu müssen, macht müde. Die Leute können nicht mehr.
Scharlatane
Der steigende Druck der Entropie in Form wachsender Zerbrechlichkeit und wachsender Risiken führt zu Zivilisationsmüdigkeit. Zivilisationsmüdigkeit führt zum Wunsch nach Veränderung. Veränderung hin zu einer Welt, die man verstehen kann, die überschaubar, die nicht bedrohlich ist.
Genau diese Veränderung, nach der sich so viele so sehr sehnen, verspricht nun eine neue Kaste populistischer politischer Akteure. Egal, ob Trump, Weidel, Kickl, Orbán, Putin: Sie alle stellen einen idyllischen Status Quo Ante in Aussicht, einen einfachen Ausweg aus dem Chaos der Entropie, einen Zustand der Ordnung, der Ruhe, der Stabilität. Das ist ein Angebot, das viele nicht ausschlagen können.
Natürlich sind diese Akteure in Wahrheit nicht die Heilsbringer, als die sie sich ausgeben. Sie sind Scharlatane, die mit zugegebenermassen brillantem Instinkt die latente Zivilisationsmüdigkeit erkannt haben und daraus politisches und wirtschaftliches Kapital schlagen. Aber sie haben keine Rezepte gegen Entropie. Sie haben keine Lösungen, sondern nur anti-intellektuelle Komplexitätsverweigerung und Krawall. Polemik, die funktional nichts verbessert. Die Scharlatane verlangsamen oder stoppen Entropie nicht. Sie sind im Gegenteil Brandbeschleuniger. Sie bieten lautstark Pseudo-Lösungen an, die Aufmerksamkeit binden und vom eigentlichen Problem ablenken oder es schlicht verneinen. Das Problem aber wächst wächst weiter. Ohne Beachtung und den Versuch, es zu lösen, wächst es tendenziell sogar besser als zuvor. “Don’t Look Up” ist keine besonders nachhaltige Strategie.
Einer der Gründe, warum diese Scharlatane im Licht der Entropie Hochkonjunktur haben, ist, dass die regulären politischen und wirtschaftlichen Eliten Entropie auch nicht in den Griff kriegen. Der populistische Furor gegen den “Mainstream” ist natürlich über alle rationalen Masse emotionalisiert und übertrieben, enthält aber einen Kern legitimer Kritik. Jene Akteure, die in den vergangenen Jahrzehnten politische und wirtschaftliche Macht genossen, haben das Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Zerbrechlichkeit recht offensichtlich nicht positiv zugunsten Fortschritt aufzulösen vermocht — sonst hätten wir heute nicht mit den Problemen zu kämpfen, mit denen wir zu kämpfen haben. Die Wut auf den Status Quo kommt nicht aus dem Nichts.
Diese Deutung ist keine Rechtfertigung für die konkreten Inhalte und Forderungen der Scharlatane und der Leute, die sie unterstützen. Ich will damit weder Trump noch Putin noch die AfD noch sonstwen verharmlosen. Es geht mir lediglich darum, auf einer übergeordneten Ebene zu argumentieren, dass das Erstarken dieser Akteure nicht Zufall ist, sondern ein Symptom (bevorstehenden) zivilisatorischen Zerfalls darstellt. Reaktionäre Fantasien als illusorische Flucht aus der Komplexität der Gesellschaft.
Ist der Kampf gegen Entropie aussichtslos?
Physikalische Entropie ist unaufhaltbar. Alle Materie, alle Energie wird sich früher oder später in einem homogenen Chaos des Nichts auflösen.
Soziale Entropie ist vielleicht auch unaufhaltbar. Die Risiken, die im Zuge von Fortschritt entstehen, dürften uns früher oder später einholen. Der springende Punkt, der Silberstreifen am Horizont ist aber: Ob früher oder später können wir in der sozialen Realität, anders als in der physikalischen, beeinflussen. Wie zerbrechlich unsere Zivilisation ist, was für Risiken sie hervorbringt und wie wir mit Zerbrechlichkeit und Risiken umgehen, ist kein Naturgesetz. Das haben wir zumindest ein Stück selber in der Hand.
Was wir für den Moment aber mitnehmen können: Dinge passieren nicht einfach so. Um das gegenwärtige Chaos der Welt zu verstehen, müssen wir verstehen, wie die grossen übergeordneten zivilisatorischen Entwicklungslinien verlaufen. Das Problem ist nicht Social Media. Das Problem sind nicht demagogische Scharlatane vom Schlage Trumps. Das sind Symptome des übergeordneten Problems: Das Wechselspiel zwischen Fortschritt und Entropie. Fortschritt bedingt Komplexität, die Kehrseite von Komplexität ist Zerbrechlichkeit, und hinzu kommen neue technologiebedingte Mega-Risiken. Fortschritt schafft die Bedingungen, um sich selber zu zerstören.
Das ist die eigentliche, die zentrale Frage, der wir uns stellen müssen: Wie können wir als Zivilisation weiter bestehen und Fortschritt geniessen, ohne uns dadurch den zivilisatorischen Ast, auf dem wir sitzen, abzusägen? Das ist die wohl schwierigste Frage überhaupt.
Ich glaube, dass die Antwort etwas mit dem gezielten Aufbau von Resilienz in verschiedenen Domänen und der gezielteren Regulierung technologischer Risiken zu tun haben muss. “Move Fast and Break Things” können wir uns nicht mehr leisten.
Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist, uns diese Frage ernsthaft zu stellen. Damit wir mit dem Zusammennähen unseres Fallschirms nicht erst beginnen, nachdem wird bereits aus dem Flugzeug gesprungen sind.


