Nostalgie, Pessimismus, Optimismus, Kollaps
Warum wir fälschlicherweise denken, dass früher alles besser war. Und warum das davon ablenkt, wie schlimm es heute wirklich ist.
Wann war die volkswirtschaftliche Situation am besten? Wann gab es den besten Journalismus? Wann gab es die beste Musik? Wann liefen die besten Filme im Kino?
Wenn man Menschen ganz unterschiedlichen Alters solche Fragen stellt, gibt es zwei auffällige Muster. Erstens: Die meisten Menschen sagen, dass die Welt früher besser war als sie es heute ist. Und zweitens: Die meisten Menschen finden, die Welt war am besten, als sie selbst ca. zwischen 10 und 20 Jahre alt waren.

Es könnte sein, dass früher alles besser war. Aber die Rechnung geht so nicht auf. Kann sie nicht. Wenn ein 70-Jähriger und ein 40-Jähriger beide finden, die Wirtschaft war damals, als sie 15 Jahre alt waren, am besten, dann liegen Jahrzehnte zwischen der vermeintlich besten Wirtschaftslage.
Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Solche Daten zeigen nicht den objektiven Zustand der Welt. Sie zeigen die subjektiven mentalen Modelle der Welt, die Menschen haben. Sie zeigen, dass Menschen das vage Bauchgefühl haben, dass früher alles besser und in unserer Jugend am besten war. Sie zeigen Nostalgie.
Nostalgie ist ein interessantes Phänomen. Sie ist ein Bauchgefühl, aber sie ist darüber hinaus auch eine Art analytischer Filter, der beeinflusst, wie wir über Veränderung, Fortschritt und Risiken nachdenken. Nostalgie hat weitreichende Konsequenzen. Sie führt dazu, dass wir positive Entwicklungen nicht als solche wahrnehmen. Sie führt indirekt aber auch dazu, dass berechtigte Kritik an negativen Entwicklungen reflexartig als Nostalgie abgetan wird.
Sehnsucht nach Sicherheit
Der Begriff Nostalgie ist eine Kombination der griechischen Wörter “nóstos” für Rückkehr oder Heimkehr und “álgos” für Schmerz. Nostalgie ist das bittersüsse Gefühl, zurück in eine bessere Zeit, eine bessere Welt zu wollen, das aber nicht zu können. Diese schmerzhafte Sehnsucht spüren viele Menschen. Ich auch. Wenn ich an meine frühe Jugend zurückdenke, damals, als meine grössten Sorgen der nächste Boss in Final Fantasy VII und der Kinobesuch mit meinen Freunden waren, fühlt sich das sowohl gut als auch schlecht an. Es fühlt sich gut an, weil das in meiner Erinnerung eine schöne Zeit war. Es fühlt sich schlecht an, weil die schöne Zeit vorbei ist.
Früher galt Nostalgie als psychische Störung. Nach dem Motto: Wer zu sehr der Vergangenheit nachtrauert, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Heute wissen wir, dass das Gefühl von Nostalgie ein normaler psychischer Vorgang ist. Nostalgische Blicke auf die Vergangenheit sind sinnstiftend. Nostalgie vermittelt ein Gefühl sozialer Verbundenheit, weil nostalgische Erinnerungen oft Familie oder Freunde oder andere Formen von Gemeinschaft beinhalten. Nostalgie ist auch ein psychischer Puffer gegen existenzielle Bedrohungen. Wir werden alle sterben. Nostalgie steigert das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat, und schützt vor existenzieller Angst.
Die Zukunft ist immer ungewiss. Wir wissen nicht, was passieren kann. Vielleicht kommt alles gut. Es kann auch schlecht kommen. Katastrophal schlecht. Die Vergangenheit ist im Vergleich zur Ungewissheit der Zukunft ein Hafen der Sicherheit. Weil wir sie überstanden haben. Die Vergangenheit hat bereits stattgefunden und wirkt darum stabil und berechenbar. Alles hatte seinen Sinn und seine Ordnung. Die Zukunft hingegen wirkt chaotisch und bedrohlich, weil sie noch vor uns liegt.
An unsere Jugend erinnern wir uns besonders intensiv. Das ist die Zeit, in der wir unsere Identität entwickeln und eine ganze Reihe sehr starker Erfahrungen machen. Pubertät, Freunde, romantische Gefühle, Musik, Schule — das war nicht für alle Menschen eine glückliche Zeit, aber für viele doch eine unbeschwerte Zeit. Eine Zeit, in der Vieles möglich schien und in der uns die Realität des Alltags noch nicht eingeholt hatte. Die Welt lag uns damals zu Füssen. Alltagssorgen wie Rechnungen bezahlen oder Stress im Job oder Lücken in der Altersvorsorge waren abstrakte Ideen in weiter Ferne.
Die Tendenz zu Nostalgie wird auch durch mediale Berichterstattung und durch den breiteren öffentlichen Diskurs verstärkt. Die öffentliche Debatte dreht sich zentral um zwei Sachen: Dinge, die aktuell geschehen und Dinge, die schlecht sind. Ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, in Massenmedien und auf Social Media. Dieser Fokus bestärkt uns zusätzlich im Gefühl, dass es heute so schlimm wie noch nie sein muss.
Das muss es aber nicht. Im Gegenteil: Die Welt ist heute in vielerlei Hinsicht so gut wie noch nie. Für den Durchschnittsmenschen gibt es wahrscheinlich keine bessere Zeit in der Geschichte als heute. Meine Lieblingsgrafik dazu ist die Entwicklung von Kindersterblichkeit und Alphabetisierung. In den letzten rund 200 Jahren ist Kindersterblichkeit weltweit drastisch gesunken und Alphabetisierung ist weltweit drastisch gestiegen.
Medizinische Versorgung, Bildung, Nahrungsmittelsicherheit, Mobilität, Kommunikationsmöglichkeiten: Es gibt kaum eine gesellschaftliche Domäne, in der es in den vergangenen Jahrzehnten nicht markanten Fortschritt gab. Nostalgie versperrt den Blick auf diesen Fortschritt und führt uns in ein biografiebedingtes Gefühl von Pessimismus.
Bei der Beurteilung des Zustandes der Welt sollten wir nicht auf unser nostalgisches Bauchgefühl hören, sondern die Lage möglichst rational einschätzen. Der historische Trend ist klar ein Trend hin zu mehr Fortschritt. Die Welt wird immer besser.
Oder?
Die Welt wird immer besser. Wie schön wäre es, wenn ich den Text mit diesem Fazit abschliessen könnte. Leider ist das nicht korrekt. Es stimmt, dass Nostalgie eine analytische Verzerrung ist. Aber die Vorstellung, dass es so etwas wie einen positiven Trend des Fortschritts gibt, dass die Welt immer besser wird, ist ein desaströser Trugschluss.
Sehnsucht nach Sicherheit, andersherum. Oder: Das Induktionsproblem
Es ist recht nützlich, gängige Narrative zu hinterfragen. Ich lese sehr gerne Artikel und Bücher, in denen etwas, was als gegeben gilt, kritisch beleuchtet wird. Unsere Neigung zu Nostalgie und zu Zukunftspessimismus ist ein solches gängiges Narrativ.
In den vergangenen rund fünfzehn Jahren sind diverse Bestseller-Bücher erschienen, die dieses nostalgisch-pessimistische Narrativ zerschlagen. Und zwar so, wie ich es oben gemacht habe: Wenn man objektiv betrachtet, wie sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, zeigt sich, dass es in vielen Domänen klaren positiven Fortschritt gab. Einige dieser durchaus lesenswerten Bücher sind “Factfulness: Ten Reasons We’re Wrong About the World--and Why Things Are Better Than You Think” von Hans Rosling, “Progress: Ten Reasons to Look Forward to the Future” von Johan Norberg oder “Früher war alles schlechter” von Guido Mingels.
Das Standardwerk in diesem Genre des Anti-Pessimismus dürfte aber “Enlightenment Now” von Steven Pinker sein.
Pinker kritisiert nicht nur nostalgische Vorstellungen einer schöneren Vergangenheit. Er rechnet auch mit der Intelligenzija in der öffentlichen Debatte ab. Intellektuelle, die immer nur das Negative suchen. So schreibt er:
Intellectuals hate progress. Intellectuals who call themselves “progressive” really hate progress. It’s not that they hate the fruits of progress, mind you: most pundits, critics, and their bien-pensant readers use computers rather than quills and inkwells, and they prefer to have their surgery with anesthesia rather than without it. It’s the idea of progress that rankles the chattering class—the Enlightenment belief that by understanding the world we can improve the human condition.
Intellektuelle hassen Fortschritt, weil sie damit beschäftigt sind, zu behaupten, dass alles schlimmer wird – während sie sich gleichzeitig heuchlerisch an all den offensichtlichen Früchten des Fortschritts laben, von modernen Computern bis zu moderner Medizin.
Kritiker im Pinker’schen Stil haben, wie ich weiter oben schreibe, durchaus recht. Die Welt hat sich viel besser entwickelt als unser nostalgischer Blick uns glauben lässt.
Pinker’sche Kritiker machen gleichzeitig aber auch einen drastischen Denkfehler. Sie extrapolieren aus vergangener Entwicklung einen Trend: Weil es in der Vergangenheit Fortschritt gab, gibt es einen Trend hin zu Fortschritt. Dieser Trend wird auch in Zukunft anhalten. Das ist ein Trugschluss, der sich aus einer bestimmten Form des Induktionsproblems ergibt.
Das Induktionsproblem ist die Frage, ob wir aus vergangenen Ereignissen Prognosen über zukünftige Ereignisse machen können. Die Frage ist auf den ersten Blick absurd: Natürlich können wir das. Wir tun es schliesslich jeden Tag, unzählige Male. Wenn ich dusche, stelle ich das Wasser in der Mitte ein, weil das in der Vergangenheit eine angenehme Temperatur war. Wenn ich mir eine Cola kaufe, wähle ich Pepsi, weil mir Pepsi in der Vergangenheit geschmeckt hat. Wenn ich meine Haare schneiden will, gehe ich am Montag oder Dienstag zum Coiffeur, weil in der Vergangenheit an diesen Tagen am wenigsten Leute dort waren und ich nicht lange warten musste.
Induktives Denken ist überlebenswichtig. Es ist auch ein zentraler Teil der wissenschaftlichen Methode. Wissenschaft bedeutet oft, die Realität zu beobachten und aus den Beobachtungen allgemein gültige Regeln abzuleiten. Induktion funktioniert aber nicht immer. Besonders dann nicht, wenn der Gegenstand der Induktion komplexe Systeme sind, deren Elemente auf nicht-lineare, nicht-additive Art miteinander interagieren. Ein solches System ist menschliche Zivilisation.
Risikoblindheit, zum Ersten
Pinker und Co. haben recht, wie ich weiter oben beschreibe, dass die Welt in vielerlei Hinsicht und im Grossen und Ganzen besser wurde. Daraus induktiv einen allgemeinen Trend abzuleiten, ist aber falsch, weil damit das vergangene Risiko vergessen wird. Risiko bedeutet, dass es negative Outcomes geben kann, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten. Der Umstand, dass wir bisher z.B. keinen vernichtenden nuklearen Krieg erlebt haben, ist kein Indikator, dass es keinen vernichtenden nuklearen Krieg geben wird. Dass es bisher nicht zu einem Atomkrieg kam, bedeutet einfach, dass der negative Outcome des Risikos von Atomkrieg nicht eingetreten ist. Etwas klarer formuliert: Wir hatten Glück. Ein Risiko einzugehen und es zu überstehen ist die Definition von Glück.
Atomkrieg ist nur eines von vielen Beispielen für grosse Risiken, die wir in der Vergangenheit überstanden haben. Daraus lässt sich induktiv aber kein Trend ableiten. Das wäre so, wie wenn ein Zocker im Casino drei mal hintereinander Glück bei Roulette hatte — und induktiv daraus ableitet, dass er auch in Zukunft gewinnen wird.
Das ist aber nur ein Teil des Pinker’schen Induktionsproblems. Nicht nur bedeutet Risiko, dass es eben auch schiefgehen kann. Die Risiken, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, bleiben über die Zeit nicht gleich. Die Risikolandschaft verändert sich, und zwar zum Schlechteren.
Risikoblindheit, zum Zweiten
Die menschliche Zivilisation ist heute so komplex wie noch nie. Es gibt im Grunde keine isolierten Gruppen oder Länder mehr. Wir sind alle Teil eines weltumspannenden Netzwerkes, das aus unzählbar vielen interdependenten Interaktionen und Beziehungen besteht. Das ist positiv, weil die emergenten Eigenschaften dieses Netzwerkes sehr nützlich sind. Globale Märkte beispielsweise sind chaotische, aber hochwirksame dezentrale Apparate der Informationsverarbeitung. Die Kehrseite von Komplexität ist aber Zerbrechlichkeit. Menschliche Zivilisation ist heute so komplex wie noch nie, aber darum gleichzeitig auch so anfällig für systemweite Krisen wie noch nie. Schaden, der zunächst lokal in einem Element des Systems auftritt, kann sich rasant auf das ganze System ausbreiten und katastrophalen systemischen Schaden anrichten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die globale Finanzkrise 2008 / 2009. Die Finanzkrise begann lokal als Immobilien-Finanzkrise in den USA. Eine Krise in einem Teil einer einzelnen Branche eines einzelnen Landes. Dabei blieb es aber nicht. Weil die Weltwirtschaft sehr engmaschig interdependent ist, eskalierte die lokale amerikanische Finanzkrise schnell zu einer weltumspannenden Wirtschaftskrise. Eine Erschütterung in einem Teil des Systems breitete sich auf das gesamte System aus.
Die Welt ist heute nicht nur so zerbrechlich wie noch nie. Es gibt auch immer mehr und immer grössere systemische Risiken. Systemische Risiken sind Risiken, die nicht nur einzelne Elemente des Systems, sondern den Fortbestand des ganzen Systems bedrohen. Systemische Risiken sind meistens multiplikative Risiken. Multiplikative Risiken unterscheiden sich von sogenannten additiven Risiken. Additive Risiken sind Risiken, deren Schaden proportional zur Menge der Gefahrenquelle steigt. Die Fälle von Schaden, die entstehen, sind zudem grundsätzlich unabhängig voneinander. Ein Beispiel dafür ist Alkohol. Alkohol bringt pro Jahr ca. 2.6 Millionen Menschen um. Dieser Schaden ist proportional zur Menge von Alkohol, die getrunken wird. Damit es im nächsten Jahr 3.9 Millionen Alkoholtote gäbe, müssten Menschen rund 50% mehr Alkohol trinken. Damit es 5.2 Millionen Alkoholtote gäbe, müssten Menschen rund 100% mehr Alkohol trinken. Diese lineare Logik additiver Risiken verstehen wir intuitiv gut.
Multiplikative Risiken sind Risiken, deren Schaden exponentiell anstatt linear wächst. Multiplikative Risiken zeichnen sich durch selbstverstärkende Feedback-Effekte aus. Die Fälle von Schaden, die entstehen, sind miteinander verbunden. Sie sind interdependent oder synergistisch. Ein Beispiel dafür ist Grippe. Die saisonale Grippe bringt jährlich rund 500’000 Menschen um. Wenn es zu einer gefährlichen Mutation kommt, könnte die Grippe auf einen Schlag aber viel mehr Menschenleben gefährden, weil sie eine ansteckende Krankheit ist, die sich multiplikativ verbreitet. Diese exponentielle Logik multiplikativer Risiken verstehen wir intuitiv eher schlecht, im Unterschied zur linearen Logik additiver Risiken.
Systemische Risiken sind meistens nicht nur multiplikativ. Sie haben auch eine Fat-Tailed-Verteilung. Unser intuitives kognitives Standardmodell von Risiko ist eine Thin-Tailed-Verteilung. “Thin Tails” bezieht sich auf die Enden, auf die sprichwörtlichen Schwänze der Wahrscheinlichkeitsverteilung. Schematisch dargestellt sieht eine Thin-Tailed-Verteilung in etwa folgendermassen aus.
Auf der X-Achse ist das Ausmass des Schadens. Die Verteilung ist um den Mittelwert herum am höchsten. Das bedeutet, dass die meisten Fälle nicht sehr weit weg vom Mittelwert sind. Typischerweise umfassen zwei Standardabweichungen 95% oder mehr der Fälle. Bei Thin Tails sind extreme Ausreisser, egal in welche Richtung, sehr selten. So selten, dass sie im Wesentlichen eine Wahrscheinlichkeit von ~0 haben. Wenn wir Alkohol als Beispiel nehmen: Es ist nicht unmöglich, dass dieses Jahr 26 Millionen Menschen anstatt nur 2.6 Millionen Menschen an Alkohol sterben. Aber die Wahrscheinlichkeit für einen solchen extremen Ausreisser ist ~0, weil Alkohol ein additives Risiko ist. Menschen müssten 1000% mehr Alkohol trinken. Das ist so gut wie ausgeschlossen.
Fat-Tailed-Risiken sehen leicht anders aus. Ihre Verteilung ist grundsätzlich ähnlich wie die Verteilung von Thin-Tailed-Risiken. Die meisten Fälle treten auch hier um den Mittelwert herum auf. Der zentrale kleine, aber genau darum grosse Unterschied ist aber: Die Enden der Wahrscheinlichkeitsverteilung sind weniger flach. Extreme Ausreisser sind immer noch selten — aber sie sind lediglich selten. Sie haben eine geringe, aber eine nicht-triviale Wahrscheinlichkeit.
Fat-Tailed-Risiken sind in der Regel multiplikative Risiken. Aus unserem Beispiel oben: Die Grippe oder so etwas wie die Grippe verursacht meistens Schaden in einem Ausmass, das ähnlich wie in Vorjahren ist. Die Grippe oder so etwas wie die Grippe hat als multiplikatives Risiko aber das Potenzial, auf einen Schlag sehr viel mehr Schaden als üblich anzurichten. Das ist sehr unwahrscheinlich, aber nicht trivial unwahrscheinlich.
Wir leben in einer Welt, in der es zunehmend mehr systemische, multiplikative, fat-tailed Risiken gibt. Die neuen systemischen Risiken sind vor allem technologiebedingt. Technologischer Fortschritt macht unsere Leben lebenswerter (darum entwickeln und nutzen wir schliesslich Technologie), aber Technologie kann in einer komplexen Welt direkt oder indirekt auch ruinös viel Schaden anrichten. Eine der zentralen Herausforderungen dieser Risikoklasse ist, dass wir nicht genau wissen, was passieren könnte und mit welcher Wahrscheinlichkeit es passieren wird. Wenn ich ins Casino gehe, weiss ich genau, was mit welcher Wahrscheinlichkeit passieren kann. Wenn wir systemische Risiken analysieren, wissen wir das nicht. Systemische Risiken sind darum mehr Ungewissheit als klassisches Risiko. Das macht den Umgang mit ihnen zusätzlich schwierig.
Das Schlimmste steht noch bevor
Die folgenden zwei Dinge sind gleichzeitig wahr: Die Welt ist heute so gut wie noch nie. Die Welt ist heute so schlecht wie noch nie.
Die Welt ist heute so gut wie noch nie, weil technologischer und moralischer Fortschritt das Leben des Durchschnittsmenschen heute so lebenswert wie noch nie gemacht haben1.
Die Welt ist heute so schlecht wie noch nie, weil die Menschheit heute mit so vielen systemischen Risiken konfrontiert ist wie noch nie. Mit Risiken, die zivilisatorischen Kollaps und die Auslöschung der Menschheit zur Folge haben können. Existenzielle Risiken sind eine Realität.
Nostalgie ist irrational. Es ist irrational, pessimistisch zu glauben, dass früher alles besser war. Es ist aber noch irrationaler, optimistisch zu glauben, dass der Umstand, dass es in der Vergangenheit Fortschritt gab, bedeutet, dass es weiterhin Fortschritt geben wird. Diese Form des Induktionsproblems ist, wie es Nassim Taleb in “The Black Swan” beschreibt, naiver Empirismus. Wir hatten in der Vergangenheit als Zivilisation Glück, und Glück hält nicht ewig. Die Risiken werden mehr und sie werden grösser.
Systemische Risiken sind eine kognitive Überforderung. Sie sind zu gross, zu gewaltig, um sie intuitiv zu verstehen. Sie sind das, was der Philosoph Timothy Morton “Hyperobjekte” nennt: Teile der Realität, die über Raum und Zeit so verteilt sind, dass wir sie ad hoc kognitiv nicht fassen können. Die Vorstellung, dass die Menschheit als ganze sterben könnte, sprengt unser Vorstellungsvermögen. Das ist für uns absurd. Die Schlussfolgerung, dass das Ende der Menschheit immer näher rückt, ist noch absurder, wenn doch die erlebte Welt immer besser wird.
Die Folge dieser kognitiven Überforderung sind nicht nur irrationale Optimisten vom Schlage eines Steven Pinker, die offenkundig falsche induktive Schlüsse ziehen. Die Folge ist darüber hinaus auch, dass sogar die meisten Menschen, die sich mit der neuen Klasse der systemischen Risiken auseinandersetzen, sie nicht verstehen. Nicht gänzlich.
Zum Beispiel Klimawandel. Klimawandel ist ein Thema, das sehr viel Beachtung findet. Regierungen, Parlamente, Zivilgesellschaft, aktivistische Gruppierungen und weitere Akteure mehr auf der ganzen Welt widmen sich dem Klimawandel. Aber auch die meisten dieser Leute, die Klimawandel ernst nehmen, unterschätzen das Risiko von Klimawandel. Das Problem mit Klimawandel ist nicht die Erwärmung an sich, deren Schaden linear additiv zur Menge an Treibhausgasen steigt. Das ist keine systemische Bedrohung. Das eigentliche Problem von Klimawandel sind die multiplikativen Fat-Tails: Die unwahrscheinlichen, aber nicht trivial unwahrscheinlichen Ausreisser bei den möglichen Konsequenzen der Erwärmung. Die ungewissen Kipppunkte und Feedback-Schlaufen, die katastrophalen Schaden verursachen können. Die Begründung für Klimawandelmassnahmen ist darum, die Fat-Tails so flach wie möglich zu halten. Nicht, weil wir präzise wissen, was die multiplikativen Fat-Tailed-Effekte sind — sondern gerade, weil wir es nicht wissen. Ungewissheit birgt Katastrophen.
Ein anderes Beispiel ist künstliche Intelligenz. KI ist ähnlich wie Klimawandel ein technologiebedingtes systemisches Risiko. Und wie Klimawandel ist auch KI durchaus eine globale politische Priorität, zu der es sehr viel politische Auseinandersetzung gibt. Die Europäische Union beispielsweise hat zum Leidwesen der KI-Unternehmen mit dem “AI Act” ein erstes grosses Regulierungspaket zu künstlicher Intelligenz beschlossen. Die bestehende kritische Auseinandersetzung mit KI ist richtig. Aber die meisten Akteure, die KI kritisch sehen, sehen KI nicht kritisch genug. Auch bei KI ist die systemische, multiplikative Fat-Tailed-Natur von KI ausschlaggebend. Das Problem mit KI ist nicht nur, dass es additiv einzelne Anwendungen gibt, die schädlich sind und die man darum regulieren soll. Das Problem mit KI sind ihre nicht klar prognostizierbaren multiplikativen Effekte. Zum Beispiel die Entwicklung einer sich selbst optimierenden künstlichen Superintelligenz, die sich menschlicher Kontrolle entzieht — und die die Menschheit darum so gut wie sicher auslöschen wird.
Alles, was zählt, ist Fat Tails abzuflachen. Das ist das wichtigste Ziel, das wir als Gesellschaft, das wir als Zivilisation haben. Denn das entscheidet darüber, ob und wie lange es uns als Zivilisation überhaupt noch gibt. Gegenwärtig sind wir weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. Systemische Risiken wachsen, aber unsere Fähigkeit, sie als solche zu verstehen, geschweige denn sie zu reduzieren, stagniert.
Es geht uns heute in vielerlei Hinsicht besser denn je. Und gleichzeitig befindet sich die Menschheit heute so nahe an katastrophalem, potenziell unumkehrbaren Kollaps wie noch nie. Das ist nicht nostalgischer Pessimismus, das ist nicht naiver Optimismus — das ist die unangenehme, die schwer zu ertragende Realität.
Über moralischen Fortschritt habe ich in einem anderen Text ausführlicher geschrieben. Wir befinden uns aktuell, argumentiere ich dort, in einer Phase des moralischen Kollapses, der sich durch Nihilismus auszeichnet. Moralischer Kollaps hängt mit den technologiebedingten systemischen Risiken, die ich hier beschreibe, zusammen. In erster Linie mit der Verschärfung der Aufmerksamkeitsökonomie im Zuge des Strukturwandels des Informations- und Kommunikationsumfeldes. Mehr dazu in einem zukünftigen Newsletter.







